Das Sühnopfer Jesu Christi
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    Das Sühnopfer Jesu Christi

    Das Sühnopfer des Erretters ist nicht nur in seiner Reichweite unbegrenzt, es wird auch für jeden persönlich wirksam

    In dieser Zeit des Jahres denken wir voll Freude über das Sühnopfer des Erretters nach. Es handelt sich wahrhaftig um die erhabenste Lehre, die diese Welt oder dieses Universum je gekannt hat. Mehr als jede andere erweitert sie das Verständnis und berührt sie die Seele. Das Sühnopfer schenkt uns Hoffnung und verleiht unserem Leben Sinn.

    Was also ist das Sühnopfer Jesu Christi? In gewissem Sinne besteht es aus einer Reihe heiliger Ereignisse. Es begann im Garten Getsemani, setzte sich am Kreuz fort und gipfelte darin, dass der Erretter aus dem Grab auferstand. Der Beweggrund dafür war unfassbar große Liebe zu jedem von uns. Es erforderte jemanden, der ohne Sünde war, der unbegrenzte Macht über die Elemente – selbst über den Tod – besaß, der ohne jede Einschränkung dazu imstande war, die Folgen all unserer Sünden und Gebrechen zu erleiden, und der tatsächlich unter alles hinabfuhr.1 Dies war die Mission Jesu Christi – dies war sein Sühnopfer.

    Und welchen Zweck erfüllt es? Es soll uns ermöglichen, in die Gegenwart Gottes zurückzukehren, mehr wie er zu werden und eine Fülle der Freude zu erfahren. Dafür mussten vier Hindernisse überwunden werden:

    1. der physische Tod

    2. der durch Adam und unsere Sünden verursachte geistige Tod

    3. unsere Bedrängnisse und Krankheiten

    4. unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten

    Doch wie konnte der Erretter dies zuwege bringen, ohne gegen die Gesetze der Gerechtigkeit zu verstoßen?

    Freier Fall aus dem Flugzeug

    Stellen Sie sich kurz einen Mann vor, der einen berauschenden freien Fall erleben will. Er trifft eine unüberlegte Entscheidung und springt spontan aus einem kleinen Flugzeug. Gleich darauf wird ihm klar, wie töricht er gehandelt hat. Er möchte sicher landen, aber es gibt ein Hindernis: das Gesetz der Schwerkraft. Er bewegt mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Arme, doch seine Hoffnung, zu fliegen, ist vergebens. Er dreht sich so, dass er eher gleitet, um so den Absturz zu verlangsamen, aber das Gesetz der Schwerkraft ist unerbittlich und unbarmherzig. Er versucht, mit diesem elementaren Naturgesetz zu verhandeln: „Es war ein Fehler. Ich werde es nie wieder tun.“ Sein Flehen stößt jedoch auf taube Ohren. Das Gesetz der Schwerkraft kennt kein Mitleid. Es macht keine Ausnahme. Glücklicherweise jedoch spürt der Mann plötzlich etwas auf seinem Rücken. Sein Freund im Flugzeug, der die törichte Entscheidung bemerkt hatte, hatte ihm kurz vor dem Sprung einen Fallschirm auf den Rücken aufgesetzt. Der Mann ergreift die Reißleine und zieht daran. Erleichtert gleitet er sicher dem Boden entgegen. Man könnte jetzt fragen: „Wurde gegen das Gesetz der Schwerkraft verstoßen, oder sorgte der Fallschirm im Rahmen dieses Gesetzes für eine sichere Landung?“

    Sichere Landung mit dem Fallschirm

    Wenn wir sündigen, sind wir wie der törichte Mann, der aus dem Flugzeug sprang. Was wir auch auf uns gestellt versuchen, uns erwartet nur der Aufprall. Wir sind dem Gesetz der Gerechtigkeit unterworfen, das, wie das Gesetz der Schwerkraft, streng und gnadenlos ist. Wir können nur deshalb errettet werden, weil uns der Erretter durch sein Sühnopfer barmherzigerweise geistig mit einer Art Fallschirm ausgerüstet hat. Wenn wir Glauben an Jesus Christus haben und umkehren (nämlich unseren Teil tun und die Reißleine ziehen), wird die schützende Macht des Erretters für uns freigesetzt und wir können geistig unverletzt landen.

    Das ist möglich, allerdings nur, weil der Erretter die vier Hindernisse überwunden hat, die unseren geistigen Fortschritt verhindern können.

    1. Der Tod. Der Erretter hat durch seine herrliche Auferstehung den Tod überwunden. Der Apostel Paulus hat verkündet: „Wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“2

    2. Die Sünde. Der Erretter hat für alle, die umkehren, Sünde und Schuld überwunden. Seine reinigende Macht reicht so tief und weit, dass Jesaja verheißen hat: „Sind eure Sünden wie Scharlach, weiß wie Schnee werden sie.“3

    Gelegentlich habe ich mit guten Mitgliedern gesprochen, denen es schwerfällt, sich selbst zu vergeben. Sie setzen der erlösenden Macht des Erretters unbeabsichtigt, doch irrtümlich Grenzen. Unwissentlich verwandeln sie ein unbegrenztes Sühnopfer in ein begrenztes, nämlich eines, das irgendwie ausgerechnet ihre Sünde oder Schwäche nicht mit einschließt. Aber es ist ein unbegrenztes Sühnopfer, denn es umfasst jede Sünde und jede Schwäche wie auch jede Misshandlung, jedes von anderen verursachte Leid.

    Von Truman G. Madsen stammen diese tröstlichen Worte:

    „Falls manche von Ihnen zu der irrigen Überzeugung verleitet wurden, sie seien zu weit gegangen, … sie seien so von der Sünde vergiftet worden, dass sie unmöglich jemals wieder werden können, was sie hätten sein können – Ihnen möchte ich sagen:

    Ich bezeuge, dass Sie nicht so tief sinken können, dass das Licht und die unermessliche Intelligenz Jesu Christi Sie nicht erreichen können. Ich bezeuge, dass Christus da ist, solange Sie auch nur einen Funken Bereitschaft zur Umkehr besitzen und die Hand nach ihm ausstrecken. Er ist nicht nur dorthin hinabgefahren, wo Sie sich befinden, sondern noch darunter, ,auf dass er in allem sei und durch alles, das Licht der Wahrheit‘ [Lehre und Bündnisse 88:6].“4

    Ein Grund, weshalb es so sehr darauf ankommt, das Sühnopfer des Erretters und seine unbegrenzten Auswirkungen zu verstehen, ist der, dass mit einem tieferen Verständnis der tiefere Wunsch einhergeht, uns selbst und anderen zu vergeben.

    Auch wenn wir an die reinigende Macht Christi glauben, stellt sich oft die Frage: „Woher weiß ich, ob mir meine Sünden vergeben wurden?“ Wenn wir den Heiligen Geist verspüren, ist das ein Zeugnis dafür, dass uns vergeben wurde oder dass die Reinigung gerade stattfindet. Präsident Henry B. Eyring hat gesagt: „Wenn Sie den Einfluss des Heiligen Geistes … verspürt haben, können Sie das als Beleg dafür ansehen, dass sich das Sühnopfer für Sie auswirkt.“5

    Sackgasse

    Manch einer fragt sich: „Wenn mir vergeben wurde, warum habe ich dann immer noch Schuldgefühle?“ Vielleicht ist die Erinnerung an unsere Schuld eine Warnung, die Gott uns in seiner Barmherzigkeit erteilt, eine Art geistiges Stoppschild, das uns zumindest eine Zeit lang deutlich mahnt, wenn wir mit weiteren Versuchungen konfrontiert sind: „Geh nicht diesen Weg. Du weißt, welcher Schmerz darauf folgen kann.“ In diesem Sinne ist die Erinnerung daran ein Schutz und keine Strafe.

    Ist es denn möglich, dass wir an unsere Sünden denken, aber dennoch frei von Schuldgefühlen sind?

    Alma erinnerte sich an seine Sünden, auch Jahre nach seiner Umkehr. Aber als er Jesus um Barmherzigkeit anrief, geschah nach Almas Bericht Folgendes: „Ich [konnte] nicht mehr an meine Qualen denken; ja, ich wurde durch die Erinnerung an meine Sünden nicht mehr gemartert“6.

    Wie konnte er an seine Sünden denken, ohne dabei Schmerz oder Schuld zu empfinden? Weil wir, wenn wir umkehren, „aus Gott geboren“7 werden. Wir werden, wie es in den heiligen Schriften heißt, „neue Geschöpfe“8 in Christus. Wir können dann völlig aufrichtig sagen: „Ich bin nicht mehr der Mensch, der diese Sünden einmal begangen hat. Ich bin ein neues, verwandeltes Geschöpf.“

    3. Bedrängnisse und Krankheiten. Alma prophezeite, dass Christus „hingehen und Schmerzen und Bedrängnisse und Versuchungen jeder Art leiden“ werde. Warum? „Auf dass sein Inneres von Barmherzigkeit erfüllt sei …, damit er gemäß dem Fleische wisse, wie er seinem Volk beistehen könne gemäß dessen Schwächen.“9

    Wie macht er das? Manchmal nimmt er die Bedrängnis von uns, manchmal gibt er uns Kraft, durchzuhalten, und manchmal lässt er uns die Bedrängnis aus einer ewigen Perspektive sehen und so deren Vergänglichkeit besser erkennen. Als Joseph Smith schon fast zwei Monate im Gefängnis zu Liberty festsaß, rief er schließlich aus: „O Gott, wo bist du?“10 Anstatt sofort für Linderung zu sorgen, erwiderte Gott: „Mein Sohn, Friede sei deiner Seele; dein Ungemach und deine Bedrängnisse werden nur einen kleinen Augenblick dauern, und dann, wenn du gut darin ausharrst, wird Gott dich in der Höhe erhöhen.“11

    Joseph erkannte nun, dass diese bittere Erfahrung angesichts der Ewigkeit lediglich ein winziger Punkt war. Mit diesem erweiterten Blick schrieb er den Heiligen aus jener Gefängniszelle: „Vielgeliebte Brüder, lasst uns frohgemut alles tun, was in unserer Macht liegt, und dann mögen wir mit größter Zuversicht ruhig stehen, um die Errettung Gottes zu sehen.“12 Dem Sühnopfer des Erretters verdanken wir eine ewige Perspektive, die unseren Prüfungen Bedeutung verleiht und uns Hoffnung auf Befreiung schenkt.

    4. Schwächen und Unzulänglichkeiten. Infolge seines Sühnopfers besitzt der Erretter eine Macht, auch als Gnade bezeichnet,13 die uns helfen kann, unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten zu überwinden, und uns somit in unserem Streben, mehr wie er zu werden, unterstützen kann.

    Moroni hat geschrieben: „Ja, kommt zu Christus, und werdet in ihm vollkommen, … damit ihr durch seine Gnade in Christus vollkommen seiet.“14 Es scheint zumindest zwei Wege oder Mittel zu geben, wie wir diese helfende Macht, die uns läutern – ja, sogar vollkommen machen – kann, für uns wirksam werden lassen können.

    Erstens, die errettenden Verordnungen. In den heiligen Schriften erfahren wir: „In [den] Verordnungen [wird] die Macht des Göttlichen kundgetan.“15 Manchmal betrachten wir die Verordnungen vielleicht als eine Checkliste, da sie ja für die Erhöhung notwendig sind. Aber in Wahrheit setzt jede einzelne eine göttliche Macht frei, die uns hilft, mehr wie Christus zu werden. Zum Beispiel:

    • Wenn wir uns taufen lassen und die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, werden wir rein gemacht und werden somit heiliger, also mehr wie Gott.

    • Außerdem kann durch den Heiligen Geist unser Verstand erleuchtet und unser Herz erweicht werden, sodass wir mehr wie Gott denken und fühlen.

    • Und wenn wir als Ehepartner aneinander gesiegelt werden, ererben wir als Gabe Gottes das Recht auf „Throne, Reiche, Gewalten und Mächte“16.

    Ein zweites Mittel, wie wir diese helfende Macht empfangen, sind die Gaben des Geistes. Durch das Sühnopfer Christi haben wir Anspruch darauf, die Gabe des Heiligen Geistes und die damit verbundenen Geistesgaben zu empfangen. Diese Gaben sind göttliche Eigenschaften, daher werden wir mit jeder Geistesgabe, die wir erlangen, mehr wie Gott. Zweifellos werden wir deshalb in den heiligen Schriften so häufig dazu angehalten, nach diesen Gaben zu streben.17

    Präsident George Q. Cannon hat gesagt: „Niemand darf behaupten, er könne etwas Bestimmtes nicht überwinden, da es in seiner Natur liege. Damit kann er sich nicht rechtfertigen! Gott hat ja verheißen, dass er uns … Gaben gibt, die [unsere Schwächen] ausmerzen. … Falls wir unvollkommen sind, ist es unsere Pflicht, um die Gabe zu beten, die uns vervollkommnet.“18

    Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Sühnopfer des Erretters gibt uns Leben anstelle von Tod, „Schmuck … anstelle von Asche“19, Heilung anstelle von Schmerz und Vollkommenheit anstelle von Schwäche. Es ist das göttliche Gegenmittel gegen die Hindernisse und Kämpfe dieser Welt.

    In der letzten Woche seines irdischen Wirkens sagte der Erretter: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“20 Da der Erretter das Sühnopfer vollbracht hat, gibt es keine von außen kommende Kraft, kein Ereignis, keinen Menschen – weder Sünde noch Tod oder Scheidung –, die uns davon abhalten könnten, die Erhöhung zu erlangen, vorausgesetzt, wir halten Gottes Gebote. Dies wissend, können wir frohgemut und mit der absoluten Gewissheit, dass Gott bei diesem höchsten Bestreben mit uns ist, vorwärtsstreben.

    Ich bezeuge, dass das Sühnopfer des Erretters nicht nur in seiner Reichweite unbegrenzt ist, sondern auch für jeden persönlich wirksam wird. Es kann uns nicht nur in die Gegenwart Gottes zurückbringen, sondern uns auch befähigen, so wie er zu werden, und das ist letztendlich das Ziel des Sühnopfers Christi. Dafür gebe ich dankbar und mit Gewissheit Zeugnis. Im Namen Jesu Christi. Amen.