2000–2009
Die Tugenden einer rechtschaffenen Tochter Gottes
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Die Tugenden einer rechtschaffenen Tochter Gottes

Ich bitte euch, die guten Eigenschaften, die ihr euch bereits angeeignet habt, weiter zu entfalten und euch das Ziel zu setzen, noch viele weitere zu entwickeln.

Meine lieben jungen Schwestern, es ist überwältigend für mich, hier bei euch zu sein. Ihr habt so wundervolle Anlagen und könnt so viel Gutes bewirken! Für die Zukunft der Kirche und der Welt seid ihr genauso unentbehrlich, wie es eure Mütter, Tanten und Großmütter in der Vergangenheit waren. Ihr könnt so glücklich werden, wie ihr es nicht einmal in euren kühnsten Träumen erwartet.

Wir empfinden es als große Ehre, dass Präsident Gordon B. Hinckley, Präsident Thomas S. Monson und weitere Generalautoritäten heute Abend bei uns sind. Schwester Tanner, Schwester Beck und Schwester Dalton haben sehr eindrucksvoll darüber gesprochen, was Beständigkeit in Christus bedeutet. Und der Chor der Jungen Damen hat wunderschön gesungen.

Die Erste Präsidentschaft hat den Priestertumsführern in einem Schreiben vom 19. März 2003 ans Herz gelegt, den Jungen Damen zur Seite zu stehen, da die Zeit des Heranwachsens nicht leicht ist. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. In dem Brief steht, dass zwar die Hauptverantwortung auf den Eltern ruht, dass aber die Bischofschaft und die Führungskräfte der JD und der FHV zusammenarbeiten sollen, um die Mädchen, die gerade erwachsen werden, zu stärken.

Meine lieben jungen Schwestern, da ich im Auftrag der Kirche schon viel herumgereist bin, habe ich viele von euch besonderen Mädchen kennen gelernt. Eure Standhaftigkeit ist beeindruckend. Ich kann ohne zu zögern sagen, dass ihr, was eure Zukunft betrifft, vom „Glanz der Hoffnung“ und von Freude ohne Ende erfüllt sein könnt, wenn ihr als rechtschaffene Töchter Gottes vorwärts strebt.1 Ihr seid Mädchen voller Tugend und euch gelten große Verheißungen. Ich bitte euch, die guten Eigenschaften, die ihr euch bereits angeeignet habt, weiter zu entfalten und euch das Ziel zu setzen, noch viele weitere zu entwickeln.

Über einige dieser Tugenden möchte ich heute sprechen. Das Wort Tugend wird ja von vielen nicht ganz verstanden. Gemeinhin versteht man darunter Keuschheit, also sittliche Reinheit; Tugenden im umfassenderen Sinn des Wortes sind aber auch alle rechtschaffenen Wesenszüge, die zu unserer Charakterbildung beitragen. Auf einem alten Sticktuch aus dem Jahr 1813, das in einem Museum in Neufundland ausgestellt ist, steht der folgende Spruch: „Tugend ist die höchste Schönheit des Geistes und der größte Schmuck des Menschen. Tugend ist unser Anker und unser Leitstern. Sie ruft zur Vernunft, selbst wenn die Sinne irren.“

Ich möchte heute zehn Tugenden nennen, die ihr euch auf dem Weg, glücklich und etwas ganz Besonderes zu werden, aneignen könnt:

1. Glaube

Diese Tugend nenne ich als Erstes, weil sie die wichtigste ist. Der Prophet Joseph Smith hat erklärt, dass der Glaube an den Herrn Jesus Christus „die Grundlage aller Rechtschaffenheit“ ist.2 Ich verheiße euch lieben Mädchen: Wenn ihr bemüht seid, nach den Geboten zu leben, wird euer Glaube stets wachsen. Wenn wir unseren Glauben ausüben, werden wir optimistisch und voll Frohsinn; wir werden auch mutig und haben Nächstenliebe, denn der Glaube bringt alle diese Eigenschaften hervor.

2. Ehrlichkeit

Ein Mädchen, das in der Volleyballmannschaft der Universität spielte, erzählt, wie sie und ihre Freundin Muki einmal an einem entscheidenden Wettkampf teilgenommen haben:

„Ich weiß noch, dass der Punktestand ziemlich gleich war. … Gracie [von der gegnerischen Mannschaft] lief vor, sprang hoch und schmetterte den Ball mit ganzer Kraft in unser Feld. … Die Linienrichter zeigten an, dass der Ball außerhalb des Spielfelds gelandet war, und der Schiedsrichter bedeutete mit dem Finger, dass unsere Mannschaft einen Punkt gewonnen hatte. Wir jubelten schon vor Freude, aber dann bemerkten wir, wie Muki dem Schiedsrichter mitteilte, sie habe den Ball noch berührt. Muki selbst wies darauf hin, dass sie den Ball berührt hatte! Die Linienrichter … hatten … das gar nicht mitbekommen.

Muki, ein stilles, in sich gekehrtes Mädchen, hat eine solche Redlichkeit und Ehrlichkeit an den Tag gelegt, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte. Auf Gracie Shute machte dies so großen Eindruck, dass sie sich nach dem Spiel mit Muki unterhielt. … Muki gab ihr später ein Buch Mormon. Ich weiß nicht, ob Gracie es gelesen hat. … Aber ich weiß, dass Gracie ebenso wie wir anderen von dem Beispiel, das Muki gegeben hat, tief beeindruckt war.“3

Zu anderen kann nur ehrlich sein, wer auch sich selbst gegenüber ehrlich ist.

3. Keuschheit

In der Erklärung „Die Familie – eine Proklamation an die Welt“ steht, „dass die heilige Fortpflanzungskraft nur zwischen einem Mann und einer Frau angewandt werden darf, die rechtmäßig miteinander verheiratet sind“.4 Im Buch Mormon sagt der Herr außerdem: „Ich, der Herr, erfreue mich an der Keuschheit der Frauen.“5 Wer sich körperlichen Intimitäten außerhalb der Ehe hingibt, wird voraussichtlich nicht nur unter Schuldgefühlen leiden, sondern auch seelisch und körperlich schwer verwundet werden. Wenn Mann und Frau außerhalb der Grenzen, die der Herr gesetzt hat, miteinander intim werden, bringt dies großes Elend, Scham und Schande sowie Unglück über alle Beteiligten.

Im Gegensatz dazu bringen diese heiligen Gaben uns die größte Freude und das größte Glück, wenn sie so eingesetzt werden, wie der Herr es vorsieht, nämlich in der Tempelehe. Wir werden Mitschöpfer Gottes, weil wir uns mehren und Kinder haben können. Keuschheit vor der Ehe und Treue in der Ehe – das ist der heilige Schlüssel, der uns das Tor zu Selbstachtung und immerwährendem Glücklichsein öffnet. Präsident N. Eldon Tanner hat einen guten Rat gegeben, den ich heute erneut bekräftigen möchte: „Bedenkt bitte, dass es viel mehr bringt, wenn man geachtet wird, als wenn man beliebt ist.“6 Ich verweise hier auch auf den guten Rat bezüglich sittlicher Reinheit, der in der Broschüre Für eine starke Jugend dargelegt ist.

4. Demut

Demut hat mit Ausgeglichenheit zu tun. Wenn euch jemand ein Kompliment macht, dann nehmt es dankend an, werdet aber nicht stolz. Ihr Mädchen habt schon viel gelernt, aber es gibt noch mehr zu lernen. Ein demütiger Mensch ist belehrbar. Der Herr hat sogar verheißen: „Mein Geist ist in die Welt gesandt, um die Demütigen und Zerknirschten zu erleuchten.“7 Ich mag auch den Ausspruch: „Lerne zu sagen: Ich weiß es nicht. Sag es, wann immer es angebracht ist – und das ist wohl ziemlich oft der Fall.“8

5. Selbstdisziplin

Ihr müsst stark sein und Selbstdisziplin üben, damit ihr eure Ziele erreichen und eure natürlichen Stärken entfalten könnt. Die Selbstdisziplin, die sich ein junger Mensch angewöhnt, geht ihm in Fleisch und Blut über und wird für immer Teil seines Wesens. Und der Charakter, den wir uns durch Selbstdisziplin aneignen, kommt in der Auferstehung mit uns hervor.9

Arbeit ist ein Prinzip, das zur Selbstdisziplin gehört. Meine lieben jungen Schwestern, ich bin schon etliche Jahre länger auf der Welt als ihr, aber auch zu Opas Zeit gab es schon etwas, was sehr schlaffördernd wirkte – man nannte es Arbeit.

6. Fairness

Wir müssen im Umgang mit unseren Mitmenschen fair und mitfühlend sein. Der Erretter hat das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger erzählt. Dieser Mann war seinem Herrn viel Geld schuldig. Der Herr erließ ihm die Schuld, aber dann ging der Knecht hin und ließ einen anderen ins Gefängnis werfen, weil der ihm eine geringe Summe schuldete. Sein Herr tadelte ihn, weil er seinem Mitknecht gegenüber nicht so viel Erbarmen hatte walten lassen, wie ihm entgegenbracht geworden war, und er überantwortete ihn sodann demselben Schicksal, das er über seinen Mitknecht gebracht hatte.10

Wenn ihr eure Mitmenschen fair behandelt, sind sie auch eher fair zu euch. Es gibt eine Geschichte über eine Sonntagsschullehrerin, die ihren Schülern dieses Prinzip vermitteln wollte und sagte: „Denkt daran: Wir sind hier, um unseren Mitmenschen zu helfen.“ Darauf fragte ein Mädchen aus der Klasse: „Und wozu sind dann unsere Mitmenschen da?“

7. Mäßigkeit

Zum Wort der Weisheit gehört auch, dass man in allem maßvoll ist – außer in dem, was der Herr konkret verboten hat. Man tut gut daran, Extreme in Kleidung, Frisur, Make-up, Verhalten, Wortwahl und Musik zu meiden. Extreme lenken vielleicht die Aufmerksamkeit auf euch, aber wahrscheinlich wenden sich die, auf die ihr wirklich Eindruck machen wollt, dann eher von euch ab.

In meiner Jugend war ich einmal mit Freunden in einem Vergnügungspark; wir fuhren dort mit der sogenannten „fliegenden Untertasse“. Sie sah aus wie ein umgestürzter Teller und drehte sich in einem fort. Die meisten versuchten, in die Mitte zu gelangen, wo die Fliehkraft uns auch bei höherer Geschwindigkeit nicht aus dem Gefährt schleudern konnte. Wenn jemand am Rand saß, hielt er sich an einem Freund fest, der in der Mitte saß, aber dann fielen beide hinaus. Mir war bald klar, dass die Fliehkraft in der Mitte viel schwächer war. In der Mitte war ich ziemlich ungefährdet, auch wenn die fliegende Untertasse rotierte. Riskant wurde es erst, wenn sich jemand, der am Rand saß, an mir festhielt. Mir war bewusst, dass meine Sicherheit darin lag, dass ich mich nahe der Mitte aufhielt.

8. Sauberkeit

Vor etlichen Jahren kamen Präsident Howard W. Hunter, meine Frau und ich mit einigen Studenten der BYU zusammen, die in Jerusalem ein Auslandssemester absolvierten. Sie waren in einem Kibbuz, in einer israelischen Jugendherberge, untergebracht. An der Zimmertür zweier Studenten las ich den folgenden Ausspruch: „Wenn Reinlichkeit etwas Göttliches ist, dann willkommen im Fegefeuer.“

Präsident Hinckley hat etwas Wichtiges gesagt, nämlich: „Seid in Kleidung und Benehmen rein. … In der heutigen Zeit kleidet man sich schlampig, und man benimmt sich schlampig. Mir ist es nicht so wichtig, was ihr anhabt; wichtiger ist, dass es sauber ist, … Vergewissert euch, dass ihr rein seid.“11 Denkt daran: Die Kirche und ihr werdet auch danach beurteilt, wie sauber und nett euer Erscheinungsbild ist.

9. Mut

Ihr kostbaren jungen Damen werdet viel Mut brauchen – den Mut, euch nicht dem Druck eurer Altersgenossen zu beugen, den Mut, Versuchungen zu widerstehen, den Mut, standhaft zu sein, wenn man sich über euch lustig macht, und den Mut, für die Wahrheit einzutreten. Ihr braucht auch den Mut, euch den Herausforderungen zu stellen, die das Leben mit sich bringt. Ein Mädchen – sie ist Langstreckenläuferin – hat geschrieben: „Oft bin ich versucht, mitten im Lauf aufzugeben. Bei meinem ersten Lauf dieses Jahr kam mir just in dem Moment, als ich erschöpft aufgeben wollte, die dritte Strophe des Liedes ‚O fest wie ein Felsen‘ in den Sinn. Diese Worte verliehen mir den Mut, weiterzumachen.“12

Sei still, ich bin bei dir, o habe keine Angst.

Dein Gott hilft bei allem, wovor dir auch bangt.

Von mir werden Hilfe und Kraft dir gesandt;

ich halt dich in meiner allmächtigen Hand.13

10. Liebenswürdige Ausstrahlung

Auch eine liebenswürdige Ausstrahlung ist eine Tugend, die von Gott kommt. Dazu gehört die Neigung, Gutes zu tun und freundlich zu sein. Das hat etwas mit Charme, mit einer Anziehungskraft zu tun, die dem Empfinden für die eigene Würde entspringt, einer inneren Schönheit, die auf dem Selbstwertgefühl beruht. Es heißt, eure Ausstrahlung sei das wichtigste an eurer äußeren Erscheinung. Ein netter alleinstehender junger Mann aus meinem Bekanntenkreis hat sich eine Liste mit Eigenschaften gemacht, die er bei seiner zukünftigen Frau sucht. Fröhlichkeit steht da ganz oben.

Der Einfluss einer guten Frau wird häufig unterschätzt. Ihr Einfluss wirkt oft unbemerkt, hat aber weitreichende Auswirkungen. Eine einzelne Frau kann für ihr ganzes Land etwas bewirken. Ich zitiere hier zwei Beispiele aus den heiligen Schriften. Das eine zeigt die positiven, das andere die negativen Auswirkungen.

Im Buch Ether bringt die schöne Tochter Jareds den Akisch dazu, sie zu heiraten, indem sie verführerisch vor ihm tanzt. Der Preis für ihre Hand ist, dass Akisch ihren Großvater, König Omer, ermordet, damit ihr Vater König werden kann. Auf ihr Drängen ruft Akisch erneut geheime Verbindungen ins Leben, bei denen ein Eid geleistet wird und die schließlich die Vernichtung der Jarediten zu Folge haben.14

Ester hingegen, eine Jüdin aus dem Alten Testament, rettete ihr Volk. Während die Juden sich in Gefangenschaft befanden, wurde Ester mit König Artaxerxes vermählt. Der König unterzeichnete einen Erlass, dass die Juden auszurotten seien. Esters Onkel Mordechai drängte Ester, beim König für ihr Volk einzutreten. Er sagte zu ihr: „Wer weiß, ob du nicht gerade dafür in dieser Zeit Königin geworden bist?“15 Ester setzte ihr Leben aufs Spiel; sie ging zum König und bat ihn, ihr Volk zu verschonen. Der König erhörte ihre Bitte, und das jüdische Volk wurde gerettet. Eine einzelne Frau kann etwas bewirken – ja, sogar für ein ganzes Volk.

Wir leben in einer Zeit voller Herausforderungen. Ich meine, euer Geist ist für die Letzten Tage zurückbehalten worden und ihr seid, gerade so wie Ester, „in dieser Zeit“ zur Erde gekommen. Vielleicht besteht das Bedeutende, das Immerwährende, das ihr tun könnt, darin, dass ihr rechtschaffenen Einfluss auf eure Mitmenschen ausübt und dass sich eure gottgegebene weibliche innere Schönheit und Intuition in innerer Stärke äußert, in Sanftheit, Würde, Liebreiz, Liebenswürdigkeit, Kreativität, Empfindsamkeit, Ausstrahlung und geistiger Gesinnung. Entfaltet diese erhabenen weiblichen Gaben. Sie machen euch anziehend, ja sogar unwiderstehlich, wenn ihr als Magd des Herrn euren Mitmenschen dient.

Ich gebe Zeugnis, dass ihr, wenn ihr diese Tugenden in die Tat umsetzt, imstande sein werdet, „mit Beständigkeit in Christus vorwärts[zu]streben, erfüllt vom Glanz der Hoffnung und indem ihr Liebe habt zu Gott und zu allen Menschen.“16 Im Namen Jesu Christi. Amen.