2000–2009
Die sanfte Macht des Gebets
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Die sanfte Macht des Gebets

Wir müssen im Einklang mit dem Willen unseres himmlischen Vaters beten. Er möchte uns prüfen, uns stärken und uns helfen, unser volles Potenzial zu erreichen.

In der heutigen Zeit der Computer, Telefone und Piepser teilen sich die Menschen einander besser mit als je zuvor. Trotzdem mangelt es oft an wirklich guter Kommunikation. Als ich vor kurzem ein Pflegeheim besuchte, sprach ich mit einer Frau über ihre Familie. Sie erzählte mir, dass sie drei Söhne habe, von denen zwei sie regelmäßig besuchen.

„Was ist mit Ihrem dritten Sohn?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht, wo er ist“, antwortete sie unter Tränen. „Ich habe seit Jahren nichts von ihm gehört. Ich weiß nicht einmal, wie viele Enkel ich habe.“

Warum wir beten

Wenn diese Mutter sich danach sehnt, von ihren Söhnen zu hören, dann ist es leicht verständlich, dass ein liebender Vater im Himmel von seinen Kindern hören möchte.1 Durch das Gebet können wir zeigen, dass wir Gott lieben. Und er hat es so einfach gemacht. Wir können jederzeit zu ihm beten. Wir brauchen keine besondere Ausrüstung. Wir brauchen keine Batterien aufzuladen und müssen keine monatliche Grundgebühr zahlen.

Einige Menschen beten nur, wenn sie vor persönlichen Problemen stehen. Andere beten nie. In einer Schriftstelle wird Folgendes festgestellt: „Ihr gedenkt ja in dem, womit der Herr, euer Gott, euch gesegnet hat, nicht seiner, sondern ihr gedenkt immer eurer Reichtümer und dankt dem Herrn … nicht dafür.“2

Die Propheten sagen uns seit langem, dass wir demütig und häufig beten sollen.3

Wie wir beten

Jesus hat uns gelehrt, wie wir beten sollen.4 Wir beten zu unserem Vater im Himmel5 im Namen Jesu Christi6 durch die Macht des Heiligen Geistes.7 Dies ist die „wahre Ordnung des Betens“,8 im Gegensatz zum „Plappern“9 oder Vortragen, „um von den Leuten gesehen“ zu werden.10

Jesus offenbarte, dass wir zu einem weisen Vater beten, der weiß, was wir brauchen, noch ehe wir ihn bitten.11

Mormon belehrte seinen Sohn Moroni, dass wir „mit der ganzen Kraft des Herzens“12 beten sollen. Nephi erklärte: „Ich bete beständig für [mein Volk] bei Tag, und ihretwegen benetzen meine Augen mein Kissen bei Nacht; und ich rufe meinen Gott in festem Glauben an, und ich weiß, er wird mein Rufen vernehmen.“13

Die sanfte Macht des Gebets kann gelegentlich durch Fasten verstärkt werden, wenn dies einem bestimmten Bedürfnis angemessen ist.14

Ein Gebet kann auch im Stillen gesprochen werden. Man kann ein Gebet in Gedanken sprechen, vor allem wenn Worte störend sind.15 Wir knien oft beim Gebet, wir können aber auch im Stehen oder Sitzen beten.16 Unsere körperliche Haltung ist nicht so wichtig wie die geistige Ergebenheit gegenüber Gott.

Wir beenden unser Gebet „im Namen Jesu Christi. Amen.“17 Wenn wir dem Gebet eines anderen zuhören, setzen wir hörbar unser „Amen“ hinzu, was bedeutet: „Dies ist auch mein Gebet.“18

Wann wir beten

Wann sollten wir beten? Der Herr hat gesagt: „Forscht eifrig, betet immer, und seid gläubig, dann wird sich alles für euch zum Guten auswirken.“19

Alma hat gesagt: „Berate dich mit dem Herrn in allem, was du tust, und er wird dich zum Guten lenken; ja, und wenn du dich zur Nacht niederlegst, so lege dich nieder im Herrn, damit er in deinem Schlaf über dich wache; und wenn du dich morgens erhebst, so lass dein Herz von Dank erfüllt sein gegen Gott.“20

Wir beten im Stillen, regelmäßig mit unserer Familie, bei den Mahlzeiten und bei den täglichen Aktivitäten. Einfach zusammengefasst: Wir sind ein betendes Volk.

Eigene Erfahrungen mit dem Gebet

Viele von uns haben die sanfte Macht des Gebets erfahren. Eine meiner Erfahrungen hatte ich gemeinsam mit einem Pfahlpatriarchen aus dem Süden Utahs. Ich traf ihn erstmals vor mehr als 40 Jahren in meiner Arztpraxis, als die Herzchirurgie noch in den Kinderschuhen steckte. Dieser Mann Gottes litt sehr, weil sein Herz ihm den Dienst verweigern wollte. Er flehte um Hilfe, denn er dachte, dass sein Zustand von einer kaputten, aber zu reparierenden Herzklappe herrührte.

Eingehende Untersuchungen brachten zutage, dass er zwei kaputte Herzklappen hatte. Der eine Fehler war operabel, der andere nicht. Aus diesem Grund war von einer Operation abzuraten. Er nahm diese Nachricht mit großer Enttäuschung auf.

Weitere Untersuchungen endeten mit dem gleichen Rat. Schließlich sagte er aus seiner Verzweiflung heraus sehr bewegt zu mir: „Dr. Nelson, ich habe um Hilfe gebetet und bin zu Ihnen geschickt worden. Der Herr hat mir nicht offenbart, wie diese zweite Herzklappe repariert werden kann, aber er kann es Ihnen offenbaren. Ihr Verstand ist darauf vorbereitet. Wenn Sie mich operieren, dann wird der Herr Sie wissen lassen, was Sie zu tun haben. Bitte führen Sie die Operation durch, die ich benötige, und beten Sie um die Hilfe, die Sie benötigen.“21

Sein großer Glaube beeindruckte mich zutiefst. Wie konnte ich ihn erneut zurückweisen? Nachdem wir gemeinsam inbrünstig gebetet hatten, willigte ich ein, es zu versuchen. Ich bereitete mich auf diesen Schicksalstag vor, indem ich wieder und wieder betete, doch ich wusste immer noch nicht, was ich hinsichtlich seiner undichten Tricuspidalklappe tun sollte. Sogar als die Operation begann,22 fragte mich mein Assistent: „Was werden Sie diesbezüglich tun?“

Ich antwortete: „Ich weiß es nicht.“

Wir begannen mit der Operation. Nachdem wir die Verstopfung an der ersten Herzklappe beseitigt hatten,23 legten wir die zweite frei. Wir stellten fest, dass sie zwar intakt war, doch so sehr erweitert, dass sie nicht mehr so funktionieren konnte, wie sie sollte. Während wir diese Klappe untersuchten, kam mir eine ganz klare Botschaft in den Sinn: Reduziere den Umfang des Ringes. Ich teilte diese Botschaft meinem Assistenten mit. „Das Gewebe der Klappe reicht aus, wenn es uns gelingt, den Ring auf seine normale Größe zu reduzieren.“

Aber wie? Wir konnten keinen Gürtel anlegen, wie bei einer zu weiten Hose, die man enger schnallen möchte. Wir konnten sie nicht mit einem Gurt zusammendrücken, wie man einen Sattel auf einem Pferd festzurrt. Dann hatte ich plötzlich ein Bild vor Augen, das mir zeigte, wie Stiche platziert werden konnten – um hier eine Falte und dort einen Saum zu legen – und so das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Ich sehe immer noch dies Bild vor Augen – vollständig mit den gestrichelten Linien, wo die Nähte zu setzen waren. Die Reparatur wurde so vorgenommen, wie sie sich in meinem Kopf abzeichnete. Wir testeten die Klappe und stellten fest, dass sie erheblich weniger undicht war. Mein Assistent sagte: „Das ist ein Wunder.“

Ich antwortete: „Es ist die Antwort auf Gebete.“

Der Patient erholte sich schnell und sein Zustand besserte sich deutlich. Nicht nur ihm war auf wunderbare Weise geholfen worden, sondern es war auch für andere Menschen mit ähnlichen Problemen operative Hilfe möglich geworden. Ich trage keinen Verdienst daran. Das Lob geht an diesen gläubigen Patriarchen und an Gott, der unsere Gebete erhört hat. Dieser glaubenstreue Mann hat noch viele Jahre gelebt und ist mittlerweile in die ewige Herrlichkeit eingegangen.

Den Herrn fragen

Wenn wir beten, dürfen wir uns nicht anmaßen, Rat zu geben, sondern wir müssen den Herrn fragen24 und auf seinen Rat hören.25 Joseph Smiths erstes Gebet leitete die Wiederherstellung des Evangeliums ein.26 1833 erhielt er das Wort der Weisheit, nachdem er den Herrn um Rat gefragt hatte.27 Die Offenbarung über das Priestertum, die Präsident Spencer W. Kimball 1978 erhielt, erfolgte aufgrund intensiven Fragens.28 Die Inspiration, kleinere Tempel zu bauen, war darauf zurückzuführen, dass Präsident Gordon B. Hinckley intensiv nachdachte.29

Antworten auf das Gebet

Wir erhalten nicht auf alle unsere Gebete die Antwort, die wir uns wünschen. Gelegentlich lautet die Antwort nein. Das darf uns nicht überraschen. Liebevolle irdische Eltern sagen nicht zu jeder Bitte ihrer Kinder ja.30

Als wir vor kurzem einen Familienabend mit der ganzen Familie hatten, hatten unsere Enkel viel Spaß. Ein sechs Jahre alter Enkel war sehr aufgebracht, als sein Vater sagte, es sei Zeit, nach Hause zu gehen. Was tat also dieser liebe Junge? Er kam zu mir und fragte: „Großvater, erlaubst du mir, meinem Vater nicht zu gehorchen?“

Ich antwortete: „Nein, mein Schatz. Etwas Wichtiges, was wir im Leben lernen müssen, ist, dass wir durch Gehorsam glücklich werden können.31 Geh mit deiner Familie nach Hause und du wirst glücklich sein.“ Auch wenn er enttäuscht war, gehorchte er, wie es sich gehörte.

Wir müssen im Einklang mit dem Willen unseres himmlischen Vaters beten.32 Er möchte uns prüfen, uns stärken und uns helfen, unser volles Potenzial zu erreichen. Als der Prophet Joseph Smith im Gefängnis zu Liberty festgehalten wurde, bat er um Hilfe. Als Antwort auf seine Gebete erhielt er die Erklärung: „Dies alles [wird] dir Erfahrung bringen und dir zum Guten dienen.“ 33

Ein Lied als Gebet

Ich hatte das Gefühl, dass ich diese Botschaft über das Gebet mit einem Gebet beschließen solle – dargeboten als ein Lied. Der Herr hat gesagt: „Das Lied der Rechtschaffenen ist ein Gebet zu mir.“34 Die Musik entstammt dem englischen Gesangbuch35, der Text ist von mir neu geschrieben worden. Dank Craig Jessop, Mack Wilberg und anderen lieben Freunden im Tabernakelchor hören wir jetzt dieses Lied, das ein Gebet ist. Bitte, Bruder Jessop! [Der Tabernakelchor singt „Our Prayer to Thee“.]

Im Namen Jesu Christi. Amen.