2000–2009
Ein Gebet für die Kinder
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Ein Gebet für die Kinder

Als Eltern können wir dem Leben Stabilität verleihen, indem wir Liebe und Glauben an die nächste Generation weitergeben, an ein Kind nach dem anderen.

Als sich der erste Tag, an dem der auferstandene Jesus die glaubenstreuen Nephiten unterwies, dem Ende zuneigte, wandte der Herr seine Aufmerksamkeit einer besonderen Gruppe seiner Zuhörer zu, die sich oft gerade unterhalb unserer Augenhöhe befindet und manchmal nahezu außerhalb unseres Blickfelds steht.

In dem Bericht heißt es: „Er gebot ihnen, ihre kleinen Kinder [nach vorn] zu bringen. …

Und … als sie auf dem Boden niedergekniet waren, … kniete auch er … nieder; und siehe, er betete zum Vater, und das, was er betete, kann nicht niedergeschrieben werden, … so Großes und Wunderbares … [redete] Jesus zum Vater. …

Als Jesus mit seinem Gebet … zu Ende gekommen war, stand er auf … und … weinte …; und er nahm ihre kleinen Kinder, eines nach dem anderen, und segnete sie und betete [wiederum] für sie zum Vater.

Und als er dies getan hatte, weinte er abermals; … und er [sprach] zur Menge …: Seht eure Kleinen!“

Wir wissen nicht genau, was in jenem ergreifenden Moment im Erretter vorging, doch wir wissen, dass er wegen des Strudels zerstörerischer Einflüsse, denen die Arglosen immer ausgesetzt sind, „beunruhigt“ war und innerlich „stöhnte“1. Wir wissen, es war ihm ein großes Bedürfnis, für die Kinder zu beten und sie zu segnen.

In Zeiten wie den jetzigen – seien die Bedrohungen weltweiter, örtlicher oder persönlicher Natur – bete auch ich für die Kinder. An manchen Tagen scheint es, sie werden von einer Flut der Versuchung und Übertretung schon erfasst, noch ehe sie ihr erfolgreich standhalten können und noch bevor der Zeitpunkt heranreift, da sie ihr gegenübertreten sollten. Und oftmals scheinen zumindest einige der Kräfte, die da am Werk sind, außerhalb unseres Einflussbereichs zu liegen.

Nun, manche davon mögen außerhalb unseres Einflussbereichs liegen, aber ich bezeuge voller Glauben an den lebendigen Gott, dass sie nicht außerhalb seiner Reichweite sind. Er lebt, und auf beiden Seiten des Schleiers ist die Macht des Priestertums am Werk. Wir sind nicht allein und wir zittern nicht vor Furcht, als seien wir verlassen. Wenn wir unseren Teil tun, können wir nach dem Evangelium leben und seine Grundsätze verteidigen. Wir können anderen den sicheren Weg, die errettende Wahrheit, das Leben voll Freude verkünden.2 Wir können in jeder Hinsicht, wo das nötig ist, Umkehr üben, und wenn wir dies alles bereits getan haben, können wir beten. So können wir einander und vor allem jenen ein Segen sein, die unseres Schutzes am meisten bedürfen – den Kindern. Als Eltern können wir dem Leben so Stabilität verleihen, wie es immer geschieht – indem wir Liebe und Glauben an die nächste Generation weitergeben, an ein Kind nach dem anderen.

Während ich so für die Jugend bete, möchte ich auch einen besonderen Aspekt ihrer Sicherheit ansprechen. Dabei spreche ich behutsam und voller Liebe zu all jenen erwachsenen Mitgliedern der Kirche, seien sie nun Eltern oder nicht, die sich dem Zynismus und der Skepsis hingeben, die scheinbar immer ein wenig hinterher hängen, wenn es darum geht, sich mit ganzer Seele hinzugeben, und die sich, im Hinblick auf die Lehre der Kirche und ihren Glauben, immer gern am Rand ansiedeln. All jenen – die wir lieben und von denen wir wünschen, dass sie sich geistig in unserer Nähe wohler fühlten – sage ich: Bitte halten Sie sich vor Augen, dass der volle Preis für solch eine Haltung nicht immer zu Ihren Lebzeiten fällig wird. Nein, leider können sich manche Elemente so entwickeln wie ausufernde Staatsschulden, die Ihre Kinder und Enkelkinder aus eigener Tasche mit viel höherem Kostenaufwand begleichen müssen, als Sie es je beabsichtigt hatten.

In dieser Kirche gibt es – wie auch in den heiligen Schriften geboten – mehr als genug Raum zum Studieren und Lernen, zum Vergleichen und Überlegen, zum Erörtern und zum Erwarten weiterer Offenbarung. Wir alle lernen „Zeile um Zeile, Weisung um Weisung“3, mit dem Ziel, einen unverfälschten religiösen Glauben zu entwickeln, der zu einer echten christlichen Lebensweise führt. Dabei gibt es keinen Raum für Zwang oder Manipulation und auch nicht für Einschüchterung oder Heuchelei. Aber kein Kind in dieser Kirche darf darüber im Unklaren gelassen werden, dass sich seine Eltern dem Herrn Jesus Christus geweiht haben, dass seine Kirche wiederhergestellt worden ist und dass lebende Propheten und Apostel, wie in früheren Tagen, diese Kirche wirklich gemäß dem Willen „des Herrn, … [dem] Sinn des Herrn, [der] Stimme des Herrn … und der Kraft Gottes zur Errettung“4 führen. Was solche grundlegenden Glaubensfragen betrifft, entschuldigen sich Propheten nicht dafür, dass sie Einigkeit, ja, geradezu Übereinstimmung verlangen, so wie der Prophet Joseph Smith dieses vielsagende Wort verwendet hat.5 Elder Maxwell äußerte mir gegenüber einmal in einem Gespräch auf dem Flur: „Als sich das Rote Meer teilte, schien es keine Probleme mit der Übereinstimmung zu geben.“

Eltern, die sich mit ein wenig Skepsis oder Zynismus anfreunden, brauchen sich nicht zu wundern, wenn dies später zu einem festen Bestandteil des Lebens ihrer Kinder wird. Wenn Kinder in Fragen des Glaubens gefährdet sind, von diesen intellektuellen Strömungen oder jenen kulturellen Stromschnellen flussabwärts gerissen zu werden, müssen wir als ihre Eltern mehr denn je zuvor darauf achten, dass wir an festen und eindeutigen Grundsätzen sicheren Halt gefunden haben, die auch unsere Lieben deutlich erkennen können. Es hilft niemandem, wenn wir mit ihnen über die Klippe stürzen und ihnen unter dem Tosen des Wasserfalls auf dem Weg nach unten erklären, dass wir doch gewusst haben, dass die Kirche wahr ist und die Schlüssel des Priestertums dort vorhanden sind, wir aber niemanden in seiner Freiheit, anders zu denken, einschränken wollten. Nein, wir können von den Kindern wohl kaum erwarten, dass sie das sichere Ufer erreichen, wenn die Eltern scheinbar nicht wissen, wo sie ihr eigenes Boot festmachen sollen. Jesaja verwendete einmal ähnliche Bilder, als er über die Ungläubigen sagte: „[Ihre] Taue sind schlaff, sie halten den Mastbaum nicht fest, man kann kein Segel mehr spannen.“6

Ich denke, manche Eltern begreifen vielleicht nicht, dass sie, auch wenn sie sich in Bezug auf ihr Zeugnis sicher fühlen, ihren Glauben so sehr verborgen halten können, dass er für ihre Kinder kaum zu erkennen ist. Auch wenn wir ziemlich aktive Mitglieder der Kirche sind und die Versammlungen besuchen, unser Leben das Evangelium aber nicht widerspiegelt und wir unseren Kindern nicht von Herzen und eindringlich unsere Überzeugung vermitteln, dass die Kirche wirklich wiederhergestellt und seit der ersten Vision bis zum jetzigen Zeitpunkt von Gott geführt wird, werden unsere Kinder zu unserem Bedauern, aber nicht zu unserer Überraschung, vielleicht nicht einmal annähernd zu Heiligen der Letzten Tage werden, die sichtbar aktiv sind und die Versammlungen besuchen.

Vor kurzem trafen meine Frau und ich einen guten jungen Mann, der mit uns in Kontakt gekommen war, nachdem er auf der Suche nach dem richtigen Glauben in der okkulten Szene gestöbert und sich mit verschiedenen östlichen Religionen befasst hatte. Sein Vater, so gab er zu, glaubte an nichts. Sein Großvater jedoch, so sagte er, gehörte eigentlich der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage an. „Aber er hat nicht viel daraus gemacht“, berichtete der junge Mann. „Er sprach immer recht zynisch über die Kirche.“ Auf einen zynischen Großvater folgte ein agnostischer Sohn und darauf ein Enkel, der jetzt verzweifelt nach dem sucht, was Gott seiner Familie bereits einmal gegeben hatte! Dies ist ein klassisches Beispiel für die Warnung, die Elder Richard L. Evans einmal ausgesprochen hat.

Er sagte: „Manche Eltern meinen fälschlicherweise manchmal – in der Annahme, dass etwas Nachlässigkeit oder Nachsicht nicht so schlimm ist – dass sie hinsichtlich ihres Verhaltens und ihrer Übereinstimmung mit dem Evangelium etwas kürzer treten oder zu grundlegenden Fragen eventuell einen so genannten liberalen Standpunkt einnehmen können. Vielleicht unterweisen sie ihre Kinder nicht oder gehen nicht zur Kirche, möglicherweise äußern sie auch Kritik. Manche Eltern scheinen … zu denken, dass es ihre Familie und deren Zukunft nicht beeinflusst, wenn sie das Grundsätzliche nicht ganz so ernst nehmen. Doch“, so sagte er, „wenn ein Elternteil auch nur ein Stück vom Weg abweicht, werden die Kinder das Beispiel der Eltern wahrscheinlich noch übertreffen.“7

Es ist noch niemandem, auch keinem Vater und keiner Mutter, je die Genehmigung erteilt worden, nur weil sie gescheit oder unabhängig dastehen wollten, ein Kind (oder sonst jemanden!), und sei es auch nur unbeabsichtigt, von Glaubenstreue, von Loyalität und festem Glauben abzubringen. In Fragen des Glaubens ist skeptisches Denken kein größerer Beweis von Tugend als ein gläubiges Herz. Ihn analytisch auseinander zu nehmen, als handele es sich um ein Werk der Literatur, kann Familien, die sich in ihrem Zuhause nach Glauben sehnen, schlicht und ergreifend zugrunde richten. Solch ein Abweichen vom rechten Weg kann trügerisch langsam vor sich gehen und kaum merkliche Auswirkungen haben. Wie ein Beobachter einmal bemerkte: „Wenn man die Temperatur meines Badewassers … alle zehn Minuten um lediglich ein Grad erhöht, wie merke ich dann, wann ich schreien soll?“8

Als die Israeliten in der Wüste Sinai das heilige Offenbarungszelt errichteten, wurde ihnen geboten, die Stricke, die das Zelt stützten, straff zu spannen und die Pfähle, an denen sie befestigt waren, fest zu machen.9 Warum? Im Leben brauen sich Stürme zusammen – regelmäßig. Also muss man es in Ordnung bringen und festmachen, und das immer wieder. Wir wissen, dass selbst dann einige Kinder Entscheidungen treffen werden, die ihren Eltern das Herz brechen. Mütter und Väter können alles richtig machen und trotzdem Kinder haben, die abirren. Die sittliche Entscheidungsfreiheit gilt noch immer. Doch auch in solch schmerzlichen Stunden wird es Ihnen ein Trost sein, zu wissen, dass Ihre Kinder Ihren beständigen Glauben an Christus, an seine wahre Kirche, an die Schlüssel des Priestertums und an diejenigen, die sie innehaben, gekannt haben. Es wird Ihnen dann ein Trost sein, zu wissen, dass Ihre Kinder, wenn sie sich entscheiden, den schmalen und engen Pfad zu verlassen, dies in dem vollen Bewusstsein tun, dass ihre Eltern unbeirrbar darauf wandelten. Außerdem ist es dann viel wahrscheinlicher, dass sie auf diesen Pfad zurückkehren, wenn sie in sich gehen10 und an das liebevolle Beispiel und die gütige Unterweisung, die Sie ihnen dort gegeben haben, zurückdenken.

Leben Sie so offensichtlich wie möglich nach dem Evangelium. Halten Sie die Bündnisse, von denen Ihre Kinder wissen, dass Sie sie geschlossen haben. Geben Sie Priestertumssegen. Und geben Sie Zeugnis!11 Gehen Sie nicht einfach davon aus, dass Ihre Kinder irgendwie allein dahinter kommen, woran Sie glauben. Der Prophet Nephi sagte kurz vor dem Ende seines Lebens, sie hätten ihren Bericht von Christus verfasst und ihre Überzeugungen hinsichtlich des Evangeliums des Herrn bewahrt, um ihre „Kinder … zu überzeugen … damit unsere Kinder wissen mögen, … [und an] den rechten Weg [glauben].“12

Wie Nephi können auch wir uns fragen, was unsere Kinder wissen. Von uns? Persönlich? Wissen unsere Kinder, dass wir die heiligen Schriften lieben? Sehen sie, wie wir die Schriften lesen und markieren und unser tägliches Leben danach ausrichten? Haben unsere Kinder jemals überraschend eine geschlossene Tür geöffnet und uns ins Gebet vertieft auf den Knien vorgefunden? Haben sie gehört, wie wir nicht nur mit ihnen, sondern aus reiner elterlicher Liebe auch für sie gebetet haben? Wissen unsere Kinder, dass das Fasten mehr für uns ist als nur eine unangenehme Pflichtübung am ersten Sonntag des Monats? Wissen sie, dass wir an Tagen, da sie es nicht ahnten, für sie und ihre Zukunft gefastet haben? Wissen sie, dass wir sehr gern in den Tempel gehen, unter anderem aus dem wichtigen Grund, dass er uns mit einem Band an sie bindet, das weder der Tod noch die Legionen der Hölle zerreißen können? Wissen sie, dass wir die örtlichen und die Führer auf höchster Ebene lieben und anerkennen? Auch wenn diese noch so unvollkommen sind – denn sie sind bereit, Berufungen anzunehmen, nach denen sie nicht gestrebt haben, um einen Maßstab der Rechtschaffenheit zu bewahren, den sie nicht gesetzt haben. Wissen diese Kinder, dass wir Gott von ganzem Herzen lieben und uns danach sehnen, das Gesicht seines einziggezeugten Sohnes zu sehen und ihm zu Füßen zu fallen? Ich bete darum, dass sie dies wissen.

Brüder und Schwestern, unsere Kinder finden den Weg in die Zukunft wie ein Pfeil, den wir auf ein Ziel gerichtet abschießen. Und auch wenn wir besorgt den Flug des Pfeils verfolgen und uns all des Bösen bewusst sind, das ihn von seinem Kurs abbringen kann, nachdem er unsere Hand verlassen hat, schöpfen wir dennoch Mut aus dem Gedanken, dass die wichtigsten irdischen Faktoren, die das Ziel des Pfeils bestimmen, die Festigkeit, Stärke und unerschütterliche Gewissheit dessen sind, der den Bogen hält.13

Carl Sandburg hat einmal gesagt: „Ein Baby gibt Gottes Meinung wieder, dass das Leben weitergehen soll.“14 Seien Sie stark – um der Zukunft dieses Babys und Ihrer Zukunft willen. Haben Sie Glauben. Erweisen Sie weiter Ihre Liebe und geben Sie weiter Zeugnis. Hören Sie nicht auf zu beten. Solches Beten wird erhört und zu unerwarteter Stunde beantwortet. Niemandem hilft Gott bereitwilliger als einem Kind – und den Eltern eines Kindes.

„Und [Jesus] … sprach zu ihnen: Seht eure Kleinen!

Und … sie … hoben … den Blick zum Himmel, und sie sahen die Himmel offen, und sie sahen Engel … herabkommen, gleichsam inmitten von Feuer; und sie kamen herab und stellten sich im Kreis um die Kleinen, und sie waren von Feuer umschlossen; und die Engel dienten ihnen.“15

Ich bete aufrichtig darum, dass es immer so sein möge – für die Kinder. Im Namen Jesu Christi. Amen.