2000–2009
In Liebe und im Zeugnis vereint

In Liebe und im Zeugnis vereint

“Die Mitglieder der Kirche sind in Christus vereint – durch Liebe und Zeugnis. In unserer Evangeliumszeit führt der Weg zu unserem Erretter über Joseph Smith und das Buch Mormon.”

Heute vor siebzehn Jahren hatte Präsident Hinckley mich anlässlich der Sonntagnachmittagsversammlung der Generalkonferenz beauftragt, die sechs neuberufenen Siebziger in der Annahme ihrer Berufung zu vertreten. Während ich darauf wartete, dass ich in der Mitte der Versammlung an die Reihe kam, stand ich zwischen zwei großen Aposteln: Elder Marvin J. Ashton und Elder Bruce R. McConkie. Ich spürte ihre Liebe und Unterstützung, als ich zitternd und zagend auf die Heiligen blickte, die sich im Tabernakel versammelt hatten. Nebenbei: Wir sind heute viermal so viel. Elder Ashton spürte, wie mir zumute war, und er flüsterte mir zu: “Ich weiß, es ist ein ehrfurchtgebietender Anblick, aber es sind alles Ihre Freunde.” Als ich dann zum ersten Mal aufstand, um zu sprechen, spürte ich die überwältigende Liebe der Heiligen. Seitdem haben Shirley und ich diese Liebe an allen Orten in der Welt gespürt, die wir im Rahmen der Arbeit besucht haben, und wir sind bemüht, sie zu erwidern.

Die Einigkeit der Heiligen ist einzigartig und mächtig. Ich habe sie schon auf praktisch jedem Kontinent und auf den Inseln des Meeres gesehen und gespürt. Diese Einigkeit ist ein Hauptgrund dafür, dass die Kirche Fortschritt macht. Ohne sie würden wir es nicht schaffen. Wie Jesus erklärt hat: “Keine Stadt und keine Familie, die in sich gespalten ist, wird Bestand haben.”1 Spaltungen und Auseinandersetzungen gibt es in der Welt zuhauf, und “darum, Schwestern, Brüder, lasst uns einig sein”.2 Wir haben diese Einigkeit unter der geistigen Führung unseres Propheten. Unser Reichtum, unser gesellschaftlicher Status, unsere Hautfarbe sind nicht so wichtig. Das Festmahl des Evangeliums steht allen offen, die sich daran laben wollen. Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt: “Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.”3 Die Kirche geht still voran – zu einem Crescendo – so wie ein großes Orchester sich auf den Höhepunkt zubewegt, und während sie weiter wächst, macht sie auch unsere Gemeinwesen stark.

Wir haben diese Einigkeit durch Liebe. Wir können sie weder kaufen noch erzwingen. Wir wissen, “jede Seele ist frei … dass jeder ungezwungen sei, hat freien Willen Gott gegeben”.4 In dem Maß, wie wir andere Wege einschlagen, nehmen wir uns selbst das Recht, als Jünger Christi anerkannt zu werden. “Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.”5

Diese einigende Liebe ist eng mit dem persönlichen Zeugnis verknüpft. Fast jedes Mitglied könnte und würde, wenn es gebeten würde, in dieser Konferenz Zeugnis zu geben, dieses auch tun. Ja, wir sind in Liebe und Zeugnis vereint.

Mein Zeugnis beruht auf der festen Überzeugung, dass das Buch Mormon wahr ist und dass Jesus unser Erretter ist. Diese geistige Grundlage hat mir schon geholfen, den Stürmen der Schwierigkeiten und der Zweifel zu trotzen. Ich habe als Jugendlicher angefangen, im Buch Mormon zu lesen, und habe nicht damit aufgehört. Mit jedem Lesen lerne ich daraus und labe mich daran.

Ich gehörte zur letzten großen Gruppe von Missionaren, die berufen wurden, ehe unsere jungen Männer während des Koreakriegs zum Militär einberufen wurden, und wurde etwa fünf Tage lang im Missionsheim an der State Street in Salt Lake City geschult. Einer unserer Ausbilder war Bryant S. Hinckley, ein herausragender Kirchenführer und anregender Lehrer. Er forderte die versammelten Missionare auf, sich dazu zu äußern, warum sie das Buch Mormon für wahr hielten. Ich war von den vielen verschiedenen Gründen, die die Missionare nannten, beeindruckt. Ich meinte damals, neben dem Zeugnis des Heiligen Geistes hätten mich die vielen neuen Namen für Menschen, Orte, Tiere und Dinge im Buch Mormon beeindruckt.

Jetzt, fünfzig Jahre später, bin ich von diesen neuen Namen noch immer beeindruckt. Als Forscher berichteten, sie hätten in der südarabischen Wüste Steine mit dem Namen Nahom entdeckt, wurde ich aufmerksam. Diese Inschriften wurden auf die Zeit um 700 v.Chr. datiert. Ischmael, so lesen wir, wurde an einem Ort namens Nahom beerdigt. Nahom ist einer der Namen, die mich beeindruckt haben.

Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass das Buch Mormon echt ist. Während seiner Missionszeit in Deutschland fand Jack Welch im Buch Mosia Verse, die eindeutig einen Chiasmus bilden, also die Form eines X. Dieser Fund weist eher auf einen antiken als einen neuzeitlichen Autor hin. Die Wissenschaft findet immer wieder neue Einblicke in das, was das Buch sagt und wie es das sagt. Ein renommierter Literaturprofessor hat vor kurzem ein Buch veröffentlicht, in dem seine lebenslange Beschäftigung mit dem Buch Mormon verzeichnet ist und wo er über die erstaunliche Vielfalt an literarischen Formen spricht.6 Statistiker haben in dem Buch Beweise dafür gefunden, dass es von verschiedenen Verfassern stammt. Diese Beweise untermauern zwar mein Zeugnis, aber das ursprüngliche mächtige Zeugnis des Heiligen Geistes bleibt unerschütterlich und unverändert. Es ist mir außerdem viele Male bekräftigt worden.

Ich frage mich auch, ob wir den Wert und die Kraft des Zeugnisses der Zeugen, das in jedem Exemplar des Buches Mormon abgedruckt ist, wirklich zu schätzen wissen. Oliver Cowdery, David Whitmer und Martin Harris sahen die Platten und den Engel. Und Joseph zeigte die goldenen Platten acht weiteren Männern, die sie sahen und – gemäß ihren eigenen Worten – in die Hand nahmen.7 Diese Zeugen haben ihr Zeugnis nicht widerrufen, und ihr veröffentlichtes Zeugnis ist auch an anderer Stelle niemals widerlegt worden. Diese acht zusätzlichen Zeugen haben im wesentlichen Folgendes ausgesagt: “Ja, wir haben diese Platten gesehen und in die Hand genommen. Joseph hatte sie.” Die Zeugen sind mir wichtig. Der Herr hat zu Joseph gesagt, die Erklärung dieser Zeugen werde der Welt beweisen, “dass die heiligen Schriften wahr sind und dass Gott Männer inspiriert und sie zu seinem heiligen Werk beruft, in diesem Zeitalter und dieser Generation ebenso wie in den Generationen in alter Zeit”.8

Wenn wir entdeckt haben, dass das Buch wahr ist, müssen wir uns fragen: “Was ist seine Botschaft?” Alma – Professor Welch zufolge ist übrigens erst vor kurzem entdeckt worden, dass man in alter Zeit das Wort Alma verwendet hat – Alma sagte, als er zum Volk in Gideon sprach, deutlich, welches die zentrale Botschaft des Buchs ist, nämlich: “Es gibt vieles, was kommen wird; und siehe, eines ist wichtiger als alles andere – denn siehe, die Zeit ist nicht fern, da der Erlöser leben und zu seinem Volk kommen wird.”9 Gewiss, Alma – das Kommen Jesu und sein Sühnopfer, in Getsemani und am Kreuz vollbracht, sind sicher wichtiger als alle andere Erkenntnis, die ein Mensch erlangen mag. Und das Buch Mormon ist “ein weiterer Zeuge für Jesus Christus”, wie der Untertitel es verkündet.

Schon bevor ich das Buch Mormon gelesen hatte, hatte ich als Kind ein Zeugnis von Jesus. Zum ersten Mal wurde ich mir Jesu bewusst, als meine Großmutter Carmack, eine wenig bekannte Künstlerin, mir den wundervollen Sonnenuntergang in Arizona zeigte und mich fragte: “John Kay, wer hat diese wunderschöne Welt erschaffen?” Sie beantwortete ihre Frage selbst und erklärte: “Jesus hat diese Welt erschaffen, jawohl.” Großmutter hatte natürlich Recht. Jesus, der Sohn Gottes, hat die Welten auf Weisung des Vaters erschaffen.10 Großeltern sollten ihren Einfluss auf das Leben ihrer Enkelkinder nicht unterschätzen.

Das Sühnopfer Christi ist die zentrale Lehre, aber als noch tröstlicher und nützlicher habe ich es erfahren, dass seine Barmherzigkeit und Hilfe mir persönlich auf so wunderbare Weise zugänglich sind. Diese vertrauten Worte geben meine Gefühle in Bezug auf diesen wichtigen Aspekt des Einflusses und Wirkens Jesu wieder:

In Leid oder Freude, ob krank oder wohl,

ob Armut mich prüft oder Glück gibt mir voll,

daheim oder fort, auf dem Land oder Meer,

nach meinem Bedürfnis, so gibst du mir, Herr.11

In den chaotischen Augenblicken, die wir wohl alle durchmachen, wenn wir Sorgen haben und verzweifelt sind, wenn wir uns missverstanden und ungeliebt fühlen, kann der Erretter uns Trost und Hilfe spenden, so wie wir es brauchen, und tut es auch. Sein Trost schenkt uns Frieden. Schließlich hat er gesagt: “In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.”12 Was hat mir dieser Sieg nicht alles bedeutet! Er war mir stets gegenwärtig, in allen Umständen und wie ich ihn brauchte.

Zum Abschluss: Die Mitglieder der Kirche sind in Christus vereint – durch Liebe und Zeugnis. In unserer Evangeliumszeit führt der Weg zu unserem Erretter über Joseph Smith und das Buch Mormon.13 Und so können wir gewiss sein, dass der Bericht des Neuen Testaments über Jesus wahr ist. Jesus ist unser Herr und Erretter. Wir sollten bei jeder Gelegenheit verkündigen: “Halleluja, wie groß bist du!”

Präsident Hinckley ist sein Prophet auf Erden. Dies ist seine Kirche. Möge unsere Einheit der Welt beweisen, dass wir seine Jünger sind. Im Namen Jesu Christi, amen.

  1. Matthäus 12:25.

  2. “Vorwärts, Christi Jünger”, Gesangbuch, Nr. 162.

  3. Matthäus 8:11.

  4. “O wisse, jede Seel ist frei”, Gesangbuch, Nr. 159.

  5. Johannes 13:35.

  6. Siehe Richard Dilworth Rust, Feasting on the Word: The Literary Testimony of the Book of Mormon (1997).

  7. “Das Zeugnis von acht Zeugen”, Buch Mormon

  8. LuB 20:11.

  9. Alma 7:7.

  10. Siehe Hebräer 1:1,2

  11. “O fest wie ein Felsen”, Gesangbuch, Nr. 56.

  12. Johannes 16:33.

  13. LuB 5:10.