2000–2009
“In Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott”
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“In Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott”

“Wahre Demut bewegt uns unweigerlich dazu, zu Gott zu sagen: Dein Wille geschehe.’”

Eines der denkwürdigen Themen der Generalkonferenz im letzten Oktober besagte, dass wir nicht nur darauf achten sollen, was wir tun, sondern wir Heiligen der Letzten Tage sollen auch darauf achten, was wir sind und was wir werden wollen.1 Mit diesem Gedanken im Sinn hörte ich letzten November aufmerksam zu, als Präsident Gordon B. Hinckley zur Jugend der Kirche sprach. Ich war beeindruckt von den sechs unschätzbaren weisen Tipps, mit denen er beschrieb, wie die Jugendlichen sein sollten. Einer dieser Tipps – “seid demütig” – war für mich von besonderem Interesse.

Als ich meiner Frau gegenüber vor ein paar Wochen andeutete, ich würde aufgrund der Ansprache von Präsident Hinckley vielleicht über die Demut sprechen, dachte sie nach und meinte augenzwinkernd: “Dann hast du ja nicht mehr viel Zeit, dir welche zuzulegen!” Derart ermutigt habe ich dann darüber nachgedacht, was alles dazugehört, wenn man den Ratschlag von Präsident Hinckley – “seid demütig” – befolgt.

Zunächst überrascht es sicher niemanden, dass manche Menschen die Demut nicht unbedingt als wünschenswerte Eigenschaft betrachten. In den vergangenen Jahren wurden Bestseller über Integrität, gesunden Menschenverstand, Höflichkeit und viele andere gute Eigenschaften geschrieben, aber die Demut scheint nicht sehr gefragt zu sein. Offenbar sind in dieser unsanften Zeit, in der uns beigebracht wird, wie man mit Einschüchterungen Verhandlungen führt, und in der selbstbewusstes Auftreten in der Geschäftswelt zum Schlagwort geworden ist, diejenigen, die danach trachten, demütig zu werden, eine kleine und übersehene, aber doch entscheidend wichtige Minderheit.

Es ist auch problematisch, wenn man sich bewusst darum bemüht, demütig zu werden. Ich weiß noch, wie einer meiner Kollegen von den Siebzigern über die Demut einmal Folgendes gesagt hat: “Wenn man denkt, man sei demütig, ist man es nicht.” Er meinte, wir sollten uns bemühen, demütig zu werden, und einfach nicht darauf achten, ob wir es schon geworden sind. Dann wären wir demütig. Aber wenn wir jemals meinten, wir wären demütig, wären wir es nicht.2

Das ist eine der Lektionen, die C.S. Lewis in seinem Buch Dienstanweisung für einen Unterteufel vermittelt. In Anweisung XIV wird ein guter Mensch, der von einem Teufel und dessen Lehrling angelernt werden soll, allmählich demütig, und der Teufel stellt fest, dass das “sehr schlecht” ist. Lewis lässt den Teufel zu seinem Mitstreiter die klugen Worte sprechen: “Dein Schüler ist demütig geworden. Hast du ihn darauf aufmerksam gemacht?”3

Zum Glück hat uns der Erretter gezeigt, wie man Demut entwickeln kann. Als seine Jünger zu ihm kamen und fragten: “Wer ist im Himmelreich der Größte?”, antwortete er, indem er ein Kind herbeirief, es in ihre Mitte stellte und sagte: “Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.”4

Hier lehrt uns der Erretter, dass man wie ein Kind werden muss, wenn man demütig werden will. Wie wird man wie ein Kind und welche kindlichen Eigenschaften sollen wir entwickeln? König Benjamin gibt uns in seiner tiefgründigen Rede im Buch Mormon einige Hinweise:

“Denn der natürliche Mensch ist ein Feind Gottes und ist es seit dem Fall Adams gewesen und wird es für immer und immer sein, wenn er nicht den Einflüsterungen des Heiligen Geistes nachgibt, den natürlichen Menschen ablegt und durch die Sühne Christi, des Herrn, ein Heiliger wird und so wird wie ein Kind, fügsam, sanftmütig, demütig, geduldig, voll von Liebe und willig, sich allem zu fügen, was der Herr für richtig hält, ihm aufzuerlegen, ja, wie eben ein Kind sich seinem Vater fügt.”5

König Benjamin lehrt demnach, dass es ein allmählicher Prozess ist, wie ein Kind zu werden, eine geistige Entwicklung, bei der uns der Heilige Geist und unser Vertrauen auf das Sühnopfer Christi eine Hilfe sind. Durch diesen Prozess entwickeln wir schließlich die kindlichen Eigenschaften Sanftmut, Demut, Geduld, Liebe und geistige Fügsamkeit. Wahre Demut bewegt uns unweigerlich dazu, zu Gott zu sagen: “Dein Wille geschehe.” Und weil das, was wir sind, Einfluss auf das hat, was wir tun, zeigt sich unsere Fügsamkeit in unserer Ehrfurcht und Dankbarkeit und in der Bereitschaft, Berufungen, Rat und Zurechtweisung anzunehmen.

Eine Geschichte, die unter den Nachkommen Brigham Youngs erzählt wird, veranschaulicht, was Demut ist. Es wird berichtet, dass der Prophet Joseph Smith Brigham Young – vielleicht, um ihn zu prüfen – in einer öffentlichen Versammlung scharf wegen etwas zurechtwies, was er getan hatte oder was er hätte tun sollen, aber nicht getan hatte – was es genau war, ist nicht bekannt. Als Joseph Smith aufhörte zu reden, wartete jeder der Anwesenden auf die Erwiderung von Brigham Young. Dieser mächtige Mann, den man später den Löwen des Herrn nannte, fragte in einem für alle erkennbar aufrichtigen Tonfall, ganz schlicht und demütig: “Joseph, was soll ich tun?”6

Die Macht dieser Antwort selbst ruft ein Gefühl der Demut hervor. Sie erinnert uns daran, dass der größte Ausdruck von Mut und Liebe in der Geschichte der Menschheit – das Sühnopfer Christi – auch der größte Ausdruck von Demut und Fügsamkeit war. Manch einer fragt sich vielleicht, ob jene, die bemüht sind, demütig zu werden, sich für immer den heftig vertretenen Meinungen und Ansichten anderer beugen müssen. Das Leben des Erretters ist ein deutliches Beispiel dafür, dass wahre Demut alles andere als Unterwürfigkeit, Schwäche und Hörigkeit ist.

Es hilft auch, wenn wir die Demut aus einer weiteren Perspektive betrachten, wenn wir uns mit ihrem Gegenteil, dem Stolz, befassen. So wie die Demut weitere gute Eigenschaften nach sich zieht, wie Bescheidenheit, Belehrbarkeit und Schlichtheit, führt der Stolz zu weiteren Lastern. Gemäß der Lehre der Heiligen der Letzten Tage wurde der Satan aufgrund seines Stolzes zum Feind aller Wahrheit. Die zunehmende Überheblichkeit, Hybris genannt, galt bei den Weisen im antiken Griechenland als der sichere Weg in den Untergang.

Vor zwölf Jahren hielt Präsident Ezra Taft Benson anlässlich der Generalkonferenz eine beeindruckende Ansprache, in der er sagte: “Der Stolz ist die Sünde der Welt, das große Laster”.7 Er erklärte, dass der Stolz im wesentlichen vom Vergleichen lebt, und zitierte C.S. Lewis: “Der Stolze freut sich nicht, wenn er etwas hat, sondern nur, wenn er mehr hat als der Nächste. Es wird behauptet, der Mensch wäre stolz darauf, reich, klug oder attraktiv zu sein, doch das ist er nicht. Er ist stolz darauf, reicher, klüger oder attraktiver als andere zu sein. Wenn alle anderen genauso reich, klug oder attraktiv werden, gibt es nichts mehr, worauf man stolz sein kann. Der Vergleich macht ihn stolz: das Vergnügen, über den anderen zu stehen. Sobald der Wetteifer verschwunden ist, ist der Stolz verschwunden.”8 Das ist doch eine interessante Bemerkung über die heutige wettbewerbsorientierte und daher stolze Welt. Es ist auch eine wichtige Erinnerung für diejenigen von uns, die mit der “Fülle des Evangeliums” gesegnet sind, dass wir es vermeiden, im Umgang mit unseren Mitmenschen überheblich oder herablassend zu sein oder so zu erscheinen.

Manchmal frage ich mich, wie das Leben wohl wäre, wenn wir alle demütiger wären.

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der wir das wichtigste Pronomen wäre und nicht mehr ich.

Stellen Sie sich die Auswirkungen auf das Streben nach Wissen vor, wenn es üblich wäre, gelehrt, aber nicht arrogant zu sein.

Stellen Sie sich vor, welche Stimmung in einer Ehe oder Familie – oder auch in irgendeiner Organisation – herrschen würde, wenn aufgrund wahrer Demut Fehler offen zugegeben und verziehen würden, wenn wir uns trauen würden, andere zu loben, ohne Angst zu haben, sie könnten uns dann vorgezogen werden, und wenn alle Menschen genauso gut zuhören könnten, wie wir jetzt reden können.

Denken Sie darüber nach, wie viel schöner das Leben in einer Gesellschaft wäre, in der der Status eines Menschen nur zweitrangig ist, deren Bewohner sich mehr über ihre Pflichten als über ihre Rechte Gedanken machen, und in der Menschen in Führungspositionen sogar manchmal vortreten und demütig erklären: “Ich könnte mich irren!”. Muss unser Bedürfnis, “Recht” zu haben, so destruktiv sein? Diese Intoleranz gegenüber anderen und ihren Ansichten ist nichts Geringeres als die Überheblichkeit, die selbstzerstörerische Sünde, die die Griechen sahen und vor der sie warnten. Man fragt sich, wie anders die jüngere Weltgeschichte wohl aussähe, wenn ihre Hauptakteure die sanften Anstöße der Demut beachtet hätten.

Was noch bedeutsamer ist: bedenken Sie die Rolle der Demut bei der Umkehr. Ist es nicht die Demut, zusammen mit großem Glauben an Christus, die den Übertreter zu Gott ins Gebet führt, ihn dazu bringt, sich bei dem Betroffenen zu entschuldigen und ihn gegebenenfalls zu seinem Priestertumsführer gehen lässt, um seine Übertretung zu bekennen?

Ich bin dankbar für die Beispiele an Demut, die ich erleben durfte.

Mein Vater hat einmal, weil es heiß war und er frustriert war, an einem schwülen Julinachmittag auf Fehler überreagiert, die ich als Junge auf der Farm gemacht hatte, und mich auf eine Weise bestraft, die ich in Anbetracht des Vergehens für völlig überzogen hielt. Später kam er zu mir, entschuldigte sich und erklärte mir, dass er Vertrauen in meine Fähigkeiten habe. Das hat mir viel bedeutet. Diese demütige Äußerung ist nun über 40 Jahre in meinem Gedächtnis haften geblieben.

Eine stets vorhandene Demut konnte ich bei meiner wunderbaren Frau beobachten. So wie Nephi seinen Vater um Weisung bat, nachdem Lehi für kurze Zeit gestrauchelt war, steht auch sie mir seit 34 Jahren zur Seite und unterstützt und liebt mich unaufhörlich – “ungeachtet meiner Schwachheit”.9

Ich bin oft sehr gerührt, wenn ich in den heiligen Schriften Beispiele für Demut finde. Denken Sie daran, wie Johannes der Täufer in Bezug auf den Erretter sagte: “Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.”10 Denken Sie an Moroni, der uns bat, ihn nicht wegen seiner Unvollkommenheit zu verurteilen, sondern Gott zu danken, dass er uns Moronis Unvollkommenheit kundgetan hat, damit wir lernen, weiser als Moroni zu sein.11 Wir müssen auch an Mose denken, der, nachdem er die Größe Gottes und seiner Schöpfungen gesehen hatte, sprach: “Nun weiß ich also, dass der Mensch nichts ist, und das hätte ich nie gedacht.”12 Ist seine Erkenntnis unserer völligen Abhängigkeit von Gott nicht der Beginn wahrer Demut?

Mir fällt da ein denkwürdiger Ausspruch des englischen Autors John Ruskin ein: “Die erste Prüfung eines wahrhaft großen Menschen ist seine Demut”. Er fährt fort: “Mit Demut meine ich nicht, dass er seine Stärke anzweifelt. Aber wirklich große Menschen haben ein seltsames Gefühl, dass die Größe nicht in ihnen ist, sondern durch sie zu Tage kommt. Und sie erkennen etwas Göttliches in jedem anderen Menschen und sind auf eine grenzenlose, törichte, unbegreifliche Weise barmherzig.”13

Der Prophet Micha aus dem Alten Testament machte sich wie unser lebender Prophet, Präsident Hinckley, Gedanken darüber, wie man Demut entwickelt. Er sagte seinem Volk:

“Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.”14

Möge der Herr uns alle segnen, dass wir demütig mit ihm und allen Menschen unseren Weg gehen können. Ich bezeuge, dass Präsident Gordon B. Hinckley ein wahrer Prophet ist und dass sein Ratschlag “seid demütig” von Gott kommt. Ich bezeuge, dass Jesus Christus, der sanftmütige Sohn Gottes, die Demut verkörpert. Ich weiß, dass wir eines Tages demütig zu den Füßen des Erretters knien werden, um von ihm gerichtet zu werden.15 Mögen wir so leben, dass wir für diesen demütigen Augenblick bereit sind. Das ist mein Gebet im Namen Jesu Christi, amen.

  1. Elder Neal A. Maxwell, “Das Ziehen und Zerren der Welt”, Liahona, Januar 2001, 45. Elder Dallin H. Oaks, “Werden – unsere Herausforderung”, Liahona, Januar 2001, 40 f.

  2. Albert Choules, Jr., unveröffentlichtes Protokoll der Versammlung des Siebzigerkollegiums vom 15. April 1993.

  3. Dienstanweisung für einen Unterteufel.

  4. Matthäus 18:1,4.

  5. Mosia 3:19.

  6. Siehe Truman G. Madsen, “Hugh B. Brown – Youthful Veteran”, New Era, April 1976, 16.

  7. “Hütet euch vor dem Stolz”, Der Stern, Juli 1989, 5.

  8. Mere Christianity.

  9. Siehe 2 Nephi 33:11.

  10. Johannes 3:30.

  11. Siehe Mormon 9:31.

  12. Mose 1:10.

  13. The Works of John Ruskin, Hg. E. T. Cook und Alexander Wedderburn, 39 Bände (1903–12), 5:331.

  14. Micha 6:8.

  15. Siehe Mosia 27:31; LuB 88:104.