2000–2009
“Die Hand des Meisters”

“Die Hand des Meisters”

“Wir alle machen Fehler.... Dann haben wir Schuldgefühle, fühlen uns gedemütigt, leiden und kommen allein nicht dagegen an. Dann hilft die heilende Kraft des Sühnopfers.”

Die Beamtenbestätigung ist ein großer Schutz für die Kirche. Der Herr hat geboten: “Keinem soll es gegeben sein, hinzugehen und mein Evangelium zu predigen oder meine Kirche aufzurichten, außer er sei von jemandem dazu ordiniert worden, der Vollmacht hat und von dem es der Kirche bekannt ist, dass er Vollmacht hat und von den Führern der Kirche ordnungsgemäß ordiniert worden ist.”1 Auf diese Weise wissen die Mitglieder in aller Welt, wer die wahren Boten sind.

Ich habe vor, die Schmerzen derer zu lindern, die unter den so unangenehmen Schuldgefühlen leiden. Ich fühle mich wie ein Arzt, der zu Beginn der Behandlung sagt: “Es tut vielleicht ein bisschen weh… .”

Jeder von uns hat zumindest den Schmerz des schlechten Gewissens schon gespürt, der sich einstellt, wenn man einen Fehler gemacht hat.

Johannes hat gesagt: “Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns.”2 Dann sagt er es noch deutlicher: “Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn [den Herrn] zum Lügner und sein Wort ist nicht in uns.”3

Jeder von uns hat manchmal ein schlechtes Gewissen – manchem geht es die meiste Zeit so – weil wir etwas falsch gemacht oder etwas nicht erledigt haben. Dieses Schuldgefühl ist für den Geist das gleiche wie Schmerzen für den physischen Körper.

Aber Schuldgefühle sind manchmal schwerer zu ertragen als physischer Schmerz. Physischer Schmerz ist das Warnsystem, das uns zu verstehen gibt, dass wir etwas ändern oder reinigen oder behandeln müssen. Manchmal muss sogar eine Operation erfolgen, bei der etwas herausgeschnitten wird. Schuldgefühle, die Schmerzen unseres Gewissens, lassen sich nicht auf die gleiche Weise heilen.

Wenn Sie unter der Last deprimierender Schuldgefühle leiden, wenn Sie enttäuscht sind oder das Gefühl haben, Sie hätten versagt, oder wenn Sie sich schämen, dann gibt es dafür ein Heilmittel. Ich habe nicht vor, Ihre Gefühle zu verletzen, sondern ich möchte Ihnen und den Menschen, die Sie lieben, helfen. Die Propheten lehren, dass Schuldgefühle sehr schmerzlich sein können. Ich will Ihnen vorlesen, was sie gesagt haben. Stellen Sie sich auf sehr deutliche Worte ein, auch wenn ich nicht die härtesten Aussagen vorlesen werde, die sie gemacht haben.

Der Prophet Alma hat seine Schuldgefühle folgendermaßen geschildert: “Ich wurde von ewiger Qual gepeinigt, denn meine Seele wurde im höchsten Grad zerrissen und mit allen meinen Sünden gepeinigt.4

Die Propheten benutzen sehr anschauliche Worte.

Was es heißt, von Qualen gepeinigt zu sein, können wir uns sicher lebhaft vorstellen.5

Auch das Gefühl, das man hat, wenn die Seele von Schuldgefühlen zerrissen wird, kennen wir gewiss. In den heiligen Schriften ist davon häufig die Rede.6

Es kommt vor, dass Menschen unter Folter solchen Qualen ausgesetzt werden, dass sie ein Geständnis ablegen, auch wenn sie unschuldig sind. Schuldgefühle sind immer mit Qualen verbunden.7

Die Propheten sprechen von der “Galle der Bitternis”8, häufig vergleichen sie die Qualen, die Schuldgefühle bereiten, mit einem See aus Feuer und Schwefel.

König Benjamin hat gesagt: “Wenn sie böse sind, dann werden sie einer furchtbaren Erkenntnis ihrer eigenen Schuld und ihrer eigenen Gräuel überantwortet, was sie vor der Gegenwart des Herrn zurückschrecken lässt in einen Zustand des Elends und der endlosen Qual.”9

Der Prophet Joseph Smith hat gesagt: “Der Mensch quält und verurteilt sich selbst… . Für den Menschen ist die Qual der Enttäuschung genauso heftig, wie wenn er sich in einem See von Feuer und brennendem Schwefel befände.”10

Diesen See von Feuer und Schwefel, der immer brennt und dessen Feuer nie ausgeht, benutzt man in den heiligen Schriften, um die Hölle zu beschreiben.11

Stellen Sie sich einmal vor, es gäbe kein Heilmittel, keine Möglichkeit, die geistigen Schmerzen zu lindern, die Qualen der Schuldgefühle auszulöschen. Stellen Sie sich vor, alle Fehler und Sünden würden zusammengerechnet und die Pein, die Zerrissenheit, die Qualen wären endlos. Allzu viele von uns tragen unnötig an ihrer Last der Schuldgefühle und der Scham.

Die heiligen Schriften lehren: “Es muss notwendigerweise so sein, dass es in allem einen Gegensatz gibt.” Sonst könnte keine “Rechtschaffenheit … zustande gebracht werden”12, weder Glück noch Freude noch Erlösung.

Der dritte Glaubensartikel lehrt: “Wir glauben, dass dank dem Sühnopfer Christi alle Menschen errettet werden können, indem sie die Gesetze und Verordnungen des Evangeliums befolgen.” Das Sühnopfer ermöglicht die Erlösung vom geistigen Tod, von dem Leiden, das durch Sünde verursacht ist.

Aus irgendeinem Grund glauben wir, das Sühnopfer Christi gelte nur am Ende des sterblichen Lebens, zur Erlösung vom Fall, vom geistigen Tod. Aber es ist noch viel mehr. Es ist eine allgegenwärtige Macht, die wir auch im täglichen Leben beanspruchen können. Wenn wir von Schuldgefühlen zerrissen und gepeinigt werden, wenn Kummer uns niederbeugt, kann Christus uns heilen. Wir wissen zwar nicht bis ins Letzte, wie das Sühnopfer Christi zustande kam, aber wir können trotzdem den Frieden Gottes erfahren, “der alles Verstehen übersteigt”.13

Der Evangeliumsplan ist der “große Plan des Glücklichseins”.14 Es widerspricht der Natur Gottes und auch der Natur des Menschen, in Sünde glücklich zu werden. “Schlecht zu sein hat noch nie glücklich gemacht.”15

Wir wissen, dass manche Ängste und Depressionen durch eine physische Störung verursacht sind, aber zum großen (vielleicht zum größten) Teil handelt es sich nicht um Schmerzen des Körpers, sondern des Geistes. Geistige Schmerzen, die von Schuldgefühlen herrühren, können vergehen und innerer Friede kann an ihre Stelle rücken.

Hören Sie sich an, wie statt der harten Worte, mit denen die Sünde verurteilt wird, die tröstlichen, heilenden Worte der Barmherzigkeit die härteren Worte der Gerechtigkeit wieder ausgleichen.

Alma sagt: “Meine Seele ist von der Galle der Bitternis und den Banden des Übeltuns erlöst worden. Ich war im finstersten Abgrund; aber nun sehe ich das wunderbare Licht Gottes. Meine Seele war von ewiger Qual gepeinigt; aber … meine Seele leidet keinen Schmerz mehr.”16

“Ich dachte an alle meine Sünden und Übeltaten, für die ich mit Höllenqualen gepeinigt wurde… .

Und … als ich so von Qual gepeinigt war und durch die Erinnerung an meine vielen Sünden zerrissen wurde, siehe, da dachte ich auch daran, dass ich gehört hatte, wie mein Vater dem Volk prophezeite, dass ein gewisser Jesus Christus, ein Sohn Gottes, kommen werde, um für die Sünden der Welt zu sühnen.

Als aber mein Sinn diesen Gedanken fasste, rief ich in meinem Herzen aus: O Jesus, du Sohn Gottes, sei barmherzig zu mir, der ich in der Galle der Bitternis bin und von den immerwährenden Ketten des Todes umschlossen bin.

Und nun siehe, als ich dies dachte, konnte ich nicht mehr an meine Qualen denken; ja, ich wurde durch die Erinnerung an meine Sünden nicht mehr zerrissen.

Und o welche Freude, und welch wunderbares Licht sah ich! Ja, meine Seele war von Freude erfüllt, die ebenso übergroß war wie meine Qual.”17

Wir alle machen Fehler. Manchmal schaden wir uns selbst und verletzen andere so schwerwiegend, dass wir nicht aus eigener Kraft für Wiedergutmachung sorgen können. Wir zerbrechen etwas, was wir nicht reparieren können. Dann haben wir Schuldgefühle, fühlen uns gedemütigt, leiden und kommen allein nicht dagegen an. Dann hilft die heilende Kraft des Sühnopfers.

Der Herr hat gesagt: “Siehe, ich, Gott, habe das für alle gelitten, damit sie nicht leiden müssen, sofern sie umkehren.”18

Wenn Christus das Sühnopfer nicht vollbracht hätte, würden sich die Strafen für unsere Sünden summieren. Das Leben wäre hoffnungslos. Aber er hat das Opfer bereitwillig gebracht, damit wir erlöst werden können. Und er hat gesagt: “Siehe, wer von seinen Sünden umgekehrt ist, dem wird vergeben, und ich, der Herr, behalte sie nicht mehr im Gedächtnis.”19

Ezechiel hat gesagt: “[Gibt der Schuldige] sein sündhaftes Leben auf … gibt (dem Schuldner) das Pfand zurück, ersetzt, was er geraubt hat, richtet sich nach den Gesetzen, die zum Leben führen, und tut kein Unrecht mehr, dann wird er gewiss am Leben bleiben und nicht sterben.

Keine der Sünden, die er früher begangen hat, wird ihm angerechnet.”20

Stellen Sie sich das vor, nichts wird ihm angerechnet!

Wir können uns sogar immer Vergebung für unsere Sünden sichern.21 Die Taufe durch Untertauchen dient der Vergebung unserer Sünden. Diesen Bund können wir erneuern, indem wir jede Woche das Abendmahl nehmen.22

Das Sühnopfer ist von praktischem, persönlichem, täglichem Wert; erheben Sie Anspruch darauf! Es lässt sich mit einem so einfachen Anfang wie einem Gebet aktivieren. Sie werden danach nicht frei von Schwierigkeiten und Fehlern sein, aber Sie können durch Umkehr die Schuldgefühle ablegen und inneren Frieden haben.

Ich habe den dritten Glaubensartikel zitiert. Er besteht aus zwei Teilen: “Wir glauben, dass dank dem Sühnopfer Christi alle Menschen errettet werden können, [und hier die Bedingungen] indem sie die Gesetze und Verordnungen des Evangeliums befolgen.”

Die Gerechtigkeit verlangt, dass es eine Strafe gibt.23 Die Schuldgefühle verschwinden nicht völlig schmerzlos. Es gibt Gesetze, die man befolgen, heilige Handlungen, die man empfangen muss, und es gibt Strafen, die man bezahlen muss.

Physische Schmerzen müssen behandelt werden und manchmal muss man sein Leben ändern.

So ist es auch bei den geistigen Schmerzen. Es sind Umkehr und Disziplin erforderlich, vor allem Selbstdisziplin. Aber um nach schweren Übertretungen unsere Unschuld wiederherzustellen, müssen wir sie dem Bischof, der ja als Richter bestimmt ist, bekennen.

Der Herr hat verheißen: “Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.”24 Diese geistige Herzoperation kann, wie eine physische Operation, Schmerzen verursachen und vielleicht müssen Sie Ihre Gewohnheiten und Ihr Verhalten ändern. Aber in beiden Fällen geht die Erholung mit einem neuem Leben und innerem Frieden einher.

Als der Himmel sich öffnete und der Vater und der Sohn vor Joseph Smith standen, sprach der Vater sieben Worte: “Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn höre!”25 Offenbarung folgte auf Offenbarung, und die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage26 wurde gegründet. Er selbst verkündete, sie sei “die einzige wahre und lebendige Kirche auf dem ganzen Erdboden”.27

Petrus, Jakobus und Johannes stellten das höhere Priestertum wieder her und Johannes der Täufer das Aaronische Priestertum. Die Fülle des Evangeliums wurde offenbart.

Laut den Offenbarungen, die an seine Kirche ergangen sind und noch immer ergehen, dient alles, was gedruckt, verkündet, gesungen, gebaut, gelehrt, gesendet worden ist, dazu, dass Männer, Frauen und Kinder im täglichen Leben den erlösenden Einfluss des Sühnopfers Christi erfahren und inneren Frieden haben können.

Er hat gesagt: “Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.”28

Als einer seiner Apostel gebe ich Zeugnis von ihm und von der allgegenwärtigen Macht seines Sühnopfers.

Ausgehend von den erhabenen Worten Gerechtigkeit und Barmherzigkeit,Warnung und Hoffnung in den heiligen Schriften wende ich mich der gleichen Aussage in einem schlichten Gedicht zu:

Alt war sie, zerkratzt, und der Auktionator

hielt es kaum der Mühe für wert,

sich mit der alten Geige überhaupt abzugeben,

aber lächelnd hielt er sie hoch:

“Was bietet ihr, gute Leute”, rief er,

“wer macht das erste Angebot?”

“Einen Dollar, einen Dollar”, dann “zwei!” “Nur zwei?

Zwei Dollar und wer bietet drei?

Drei Dollar zum ersten, drei Dollar zum zweiten,

drei Dollar, dann gehört sie Ihnen.” Aber nein –

von ganz hinten kam ein grauhaariger Mann

nach vorn und nahm den Bogen zur Hand;

er wischte den Staub von der alten Geige,

stimmte die losen Saiten neu

und spielte dann eine reine, süße Melodie,

die so klang wie Engelsgesang.

Die Musik verklang und der Auktionator

sagte mit leiser Stimme:

“Was wird für die alte Geige geboten?”

Und er hielt sie mit dem Bogen hoch.

“Tausend Dollar, wer bietet zwei?

Zweitausend! Und wer bietet drei?

Dreitausend zum ersten, zum zweiten,

zum dritten – jetzt gehört sie Ihnen!” sagte er.

Die Leute jubelten, aber manche riefen auch:

“Wir verstehen das nicht!

Warum ist sie auf einmal soviel wert?”

Rasch kam die Antwort:

“Das war die Hand des Meisters.”

Und viele Menschen, die das Leben aus der Bahn

geworfen hat, die von Sünde entstellt sind,

werden von der gedankenlosen Menge verworfen –

so wie die alte Geige.

Ein “Linsengericht”, ein Glas Wein,

ein Spiel – und er reist weiter.

Niemand will ihn mehr, fast ist alles aus.

Aber der Meister kommt, und die törichte Menge

kann es nie so recht verstehen:

wieviel eine Seele wert ist und welche Veränderung

die Hand des Meisters vollbringen kann.29

Im Namen Jesu Christi. Amen.

  1. LuB 42:11.

  2. 1 Johannes 1:8.

  3. 1 Johannes 1:10.

  4. Alma 36:12; Hervorhebung hinzugefügt.

  5. Siehe Mosia 27:29; Alma 36:12,16,17; Mormon 9:3.

  6. Siehe 2 Nephi 9:47; Alma 14:6; 15:3; 36:12,17,19; 39:7.

  7. Siehe Mosia 2:39; 3:25; 5:5; Moroni 8:21.

  8. Alma 41:11; Apostelgeschichte 8:23; Mosia 27:29; Alma 36:18; Mormon 8:31; Moroni 8:14.

  9. Mosia 3:25.

  10. Lehren des Propheten Joseph Smith, 363.

  11. Siehe Offenbarung 20:10; 21:8; 2 Nephi 9:16,19,26; 28:23; Jakob 3:11; 6:10; Mosia 3:27; Alma 12:17; 14:14; LuB 63:17; 76:36.

  12. 2 Nephi 2:11.

  13. Philipper 4:7.

  14. Siehe Alma 42:8.

  15. Alma 41:10; siehe auch Vers 11.

  16. Mosia 27:29.

  17. Alma 36:12,13,17–20.

  18. LuB 19:16.

  19. LuB 58:42; siehe auch Hebräer 8:12; 10:17.

  20. Ezechiel 33:14–16.

  21. Mosia 4:12; siehe auch 2 Nephi 25:26; 31:17; Mosia 3:13; 4:11; 15:11; Alma 4:14; 7:6; 12:34; 13:16; Helaman 14:13; 3 Nephi 12:2; 30:2; Moroni 8:25; 10:33.

  22. Siehe LuB 27:2.

  23. Siehe Alma 42:16–22.

  24. Ezechiel 36:26.

  25. Joseph Smith–Lebensgeschichte 1:17.

  26. Siehe LuB 115:4.

  27. LuB 1:30.

  28. Johannes 14:27.

  29. Myra Brooks Welch, “The Touch of the Master’s Hand,” in Best-Loved Poems of the LDS People, Jack M. Lyon u.a., Hg. [1996], 182 f.