2000–2009
Dankbarkeit und Dienen
zurück weiter

Dankbarkeit und Dienen

“Mögen Sie ein Brennen im Herzen verspüren. Mögen Sie so wie ich am heutigen Tag spüren, dass dies Werk wahr ist und dass es uns helfen soll, den ewigen Plan der Errettung und Erhöhung zustande zu bringen.”

Liebe Brüder und Schwestern, ich habe dafür gebetet, dass der Segen des Himmels während der kurzen Zeit bei mir sein möge, die ich hier auf dem Podium stehe. Ich möchte ein paar Worte sagen über Dankbarkeit und Danksagung gegenüber denen, die auf mein Leben Einfluss hatten.

Stellen sie sich vor, es ist der 1. Mai 1890. Ein junger Mann und eine junge Frau aus einem kleinen Ort auf dem Land, 400 Kilometer vom Tempel in Logan entfernt, beschließen zu heiraten. Es gibt keine Autobahnen, keine ausgebauten Straßen, nur Pfade durchs Gestrüpp und Fuhrwege.

Die Reise wird mindestens an die sechs bis sieben Tage gedauert haben. Im Süden von Idaho und in Utah ist im Mai Regenzeit. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem kleinen Pferdewagen, haben Ihre ganze Kleidung dabei, vielleicht noch das eine oder andere für die Pferde sowie in irgendwelchen Beutelchen etwas zu essen. Es gibt nichts Warmes, nichts Besonderes zum Anziehen, keinen Schlafsack, keine Gaslampe, keinen Campingkocher. Man brauchte Streichhölzer und musste ein paar trockene Zweige finden, um ein Feuer fürs Essen zu machen.

Stellen Sie sich das einfach nur vor, lassen Sie es sich einen Moment durch den Kopf gehen. Was meinen Sie, wie dankbar ich bin und was für Segnungen ich erhalten habe, weil diese Menschen seinerzeit so weit gereist sind, um zu heiraten. Unbequemlichkeiten? Die waren kein Problem – man ist einfach gefahren. Und denken Sie nun daran, was in den letzten Jahren unter Präsident Hinckley geschehen ist – wie er inspiriert und geleitet wurde, in aller Welt Tempel zu bauen. Denken Sie einmal daran, was die Menschen noch vor wenigen Jahren durchzustehen hatten.

Ich habe diese Segnungen erhalten durch meine Eltern, deren Eltern und andere, die mein Leben beeinflusst haben – Lehrer und gute Menschen, mit denen ich zu tun hatte.

Als ich etwa elf Jahre alt war, kam ein Mann in unseren kleinen Ort, um an der kircheneigenen Schule zu unterrichten. Er konnte ein wenig Geige spielen. Lange Zeit schon hatte es bei uns niemanden gegeben, der das konnte. Meine Mutter war beeindruckt. Sie kaufte eine kleine Geige, vermutlich auf einem Flohmarkt, und beschloss, dass ich Geige spielen lerne.

Obwohl ich noch nie jemanden hatte Geige spielen sehen, kam der Mann in unser Haus und brachte mir die ersten Grundzüge des Geigenspiels bei. Als meine Grundschulzeit dem Ende zuging, kam ich schon recht gut damit zurecht, und so wurde ich gebeten, bei der Abschlussfeier, die in der Highschool stattfand, ein Solo zu spielen.

Ich hatte fleißig ein kleines Stück einstudiert, die “Träumerei”, wenn ich mich recht erinnere. Meine Schwester, die vier Jahre älter als ich und zu der Zeit eines der beliebtesten Mädchen an der Highschool war, sollte mich am Klavier begleiten und Connie McMurray sollte bei der Abschlussfeier die Abschiedsrede halten. Mädchen sind nämlich in der Schule immer schlauer als die Jungen. Als sie ihre Abschiedsrede hielt, war da ein kleines Tischchen, auf dem ein Krug mit Wasser und ein Glas für den Schulausschuss stand. Der Schulausschuss und eine kleine Gruppe von uns Schülern, die die achte Klasse abgeschlossen hatten, befanden sich auf dem Podium.

Als Connie McMurray mit ihrer großartigen Abschiedsrede zum Ende kam, bemerkten wir, wie das Deckchen unter dem Wasserkrug langsam über den Rand des Tisches rutschte und schließlich mitsamt dem Krug und dem Glas herunterfiel! Connie McMurray fiel in tiefe Ohnmacht.

Während man noch eifrig damit beschäftigt war, das Wasser von der Bühne zu wischen und die Stühle wieder zurechtzurücken, wurde bekannt gegeben, dass jetzt David Haight etwas auf der Geige vorträgt. Ich ging zu dem alten, kleinen Klavier hinüber und meine Schwester kam aus dem Publikum hinauf. Ich nahm die einfache, kleine Geige aus ihrem Holzkasten heraus, während meine Schwester sich ans Klavier setzte und ein “A” anschlug. Ich sagte: “Fang an zu spielen.”

Sie erwiderte: “David, du solltest die Geige lieber erst stimmen!”

Ich sagte: “Nicht nötig, ich habe sie an unserem Klavier zuhause gestimmt.” Wir hatten ein ganz altes Klavier daheim. Wissen Sie, damals war das so: Wenn man zuhause ein Klavier und Bücher hatte, hatte man alles, was die Familie brauchte. Ich hatte also sorgfältig die Saiten gestimmt, indem ich an den Ebenholzschrauben der Geige gedreht hatte. Ich hatte jedoch keine Ahnung, dass nicht alle Klaviere gleich gestimmt sind. Als meine Schwester also sagte: “Du solltest die Geige lieber erst stimmen!”, antwortete ich: “Nein, nicht nötig, sie ist gestimmt, ich habe sie zuhause gestimmt.”

Sie fing dann an und spielte die Einleitung, und dann setzte ich mit dem ersten Ton ein. Wir lagen etwa zwei Töne auseinander.

Als sie langsamer wurde, sagte ich: “Spiel weiter!”, denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass man einem derart erlesenen Publikum wie dem, für das ich spielte – immerhin 100 Leute waren in der kleinen Aula der Highschool – die Zeit rauben darf. Man lässt doch auch nicht die Carnegy Hall warten, nur um seine Geige zu stimmen! So etwas gehört nicht auf die Bühne. Das macht man im Hinterzimmer, um dann zum Spielen bereit zu sein, wenn es soweit ist.

Sie wurde also langsamer und ich sagte: “Spiel weiter!” Wir brachten es zu Ende und meine Schwester redete nach dem Auftritt mehrere Tage lang nicht mit mir.

Ich möchte auch dem kleinen Dorf, in dem ich bei meinen Eltern aufgewachsen bin, in dem ich erzogen wurde, und in dem man freundlich und gut zu mir war, meine Hochachtung aussprechen. Ich bin dankbar für das Wissen, das ich durch meine liebevollen Eltern erworben habe.

Ich bin dankbar, dass meine Frau, Ruby, in mein Leben getreten ist; ich bin dankbar für meine Kinder und deren Kinder und für all die Menschen, die Teil meines heutigen Lebens sind, die Einfluss darauf nehmen. Ich hoffe, dass auch ich ihr Leben zum Guten beeinflusse.

Erinnern Sie sich an den Bericht über das, was Johannes der Täufer zum Lieblingsjünger Johannes und zu Andreas sagte, als der Erretter sie traf? Johannes der Täufer sagte: “Seht das Lamm Gottes!” (Johannes 1:36.) Als der Erretter mit diesen jungen Männern zusammenkam – Johannes dem Täufer, dem zukünftigen Lieblingsjünger Johannes und Andreas – fragte er sie: “Was wollt ihr?”

Dem Bericht über dieses Gespräch zufolge fragte einer von ihnen: “Wo wohnst du?” (Johannes 1:38).

Und der Erretter antwortete: “Kommt und seht!” (Johannes 1:39).

Sie folgten dem Erretter, und gemäß diesem kurzen, uns vorliegenden Bericht blieben sie bis zur zehnten Stunde bei ihm. Möglicherweise haben sie den Abend miteinander verbracht, aber es ist nicht bekannt, wo er wohnte und welche Unterkunft er möglicherweise hatte.

Johannes und Andreas waren mehrere Stunden mit dem Erretter zusammen. Stellen Sie sich nur einmal vor, in seiner Gegenwart zu sein, mit ihm zusammen zu sitzen, in seine Augen zu blicken, zu hören, wie er erklärt, wer er ist und warum er auf die Erde gekommen ist, und den Ton seiner Stimme zu hören, als er erklärte, was er eben diesen jungen Männern gesagt hat. Sie haben ihm vermutlich die Hand gegeben. Sie werden verspürt haben, was für eine kostbare, wunderbare Persönlichkeit er ist, als sie ihm zugehört haben.

Laut dem Bericht ging Andreas nach dieser Begegnung los, um seinen Bruder Simon zu finden, weil er jemandem davon erzählen musste. Wir versammeln uns zu dieser großartigen Konferenz, um über das Evangelium zu sprechen, unsere Verantwortung und die Möglichkeiten, die wir haben. Stellen Sie sich doch nur vor, jemandem von uns wäre solches widerfahren, er wäre in der Gegenwart dieser kostbaren, göttlichen Persönlichkeit gewesen, hätte ihm zugehört, ihm die Hand gereicht, in seine Augen geblickt und dem gelauscht, was er sagte.

Als Andreas seinen Bruder Simon gefunden hatte, erklärte er ihm: “Wir haben den Messias gefunden.” (Johannes 1:41). Vermutlich sagte er: “Wir waren in seiner Gegenwart. Wir haben seine Persönlichkeit verspürt. Wir wissen, dass das, was er uns gesagt hat, wahr ist.” Andreas musste es ganz einfach jemandem mitteilen.

Genau das tun wir, wenn wir jemand anders an dem teilhaben lassen, was wir wissen und was wir erkannt haben. Ich bin dankbar für das Wissen, das ich habe, dass Gott lebt, dass er unser Vater ist, und auch für die Erkenntnis, die ich von unserem himmlischen Vater und von seinem Sohn, Jesus Christus, unserem Erretter und dem Erlöser der ganzen Menschheit, habe.

Vor ein paar Tagen erhielt ich einen Brief von einem Mann aus Edinburgh. Sein Name ist George Stewart. Es wird ihn überraschen, dass ich dies erwähne. Er wollte mir danken, weil ich, als er 15 war (vor etwa 40 Jahren), über die Schottland-Mission präsidiert habe. Er wollte mir für die Missionare danken, die zu ihnen nach Thornliebank, einem Ortsteil von Glasgow, gekommen waren. Er hatte sich zusammen mit seiner Mutter der Kirche angeschlossen.

Er sagt, er habe ein Zeugnis vom Buch Mormon entwickelt, als er mit dem Lesen begonnen habe, und als er weiter gelesen habe, habe er es nicht beiseite legen können, weil er wusste, dass es wahr ist. Er las und las und entwickelte als junger Mann ein Zeugnis vom Buch Mormon. Er erzählt, wie er zum Missionsheim gekommen ist und wie freundlich wir zu ihm gewesen sind, wie wir Zeit mit den jungen Leuten verbracht haben, weil sie zur GFV kamen, ein Programm, das wir gerade in den Zweigen einführten.

Dann spricht er von den Segnungen, die er als junger Mann erhalten hat – dass er seinen Schatz in diesem kleinen Zweig kennen gelernt hat – seine Frau – und dass sie verheiratet sind und vier Kinder haben: einen Sohn, der eine Mission in Washington D.C. beendet hat, einen Sohn, der in der England-Mission Leeds gedient hat, eine Tochter, die im Tempel geheiratet hat, und eine, die auf die Rückkehr eines Missionars wartet. Er bringt die Dankbarkeit für all die Segnungen zum Ausdruck, die er, seine Söhne, die auf Mission waren, und seine Töchter empfangen haben.

Während der vergangenen 40 Jahre hat er viermal als Bischof in vier verschiedenen Gemeinden gedient, seine Frau war dreimal FHV-Leiterin. Im Augenblick ist er Ratgeber in der Präsidentschaft des Pfahles Edinburgh. Er sagt: “In Kürze werde ich in Rente gehen, und die Firma, für die ich arbeite, verlassen. Ich habe gute Arbeit geleistet und wir haben vor, gemeinsam auf Mission zu gehen.”

Dann folgen diese Worte an mich: “Diese erstaunliche Kirche hat ein Netz von Wundern in unser Leben geknüpft.” Darf ich das wiederholen? “Diese erstaunliche Kirche hat ein Netz von Wundern in unser Leben geknüpft.”

Er sagt, dass das Evangelium in sein Leben getreten ist, und in das seiner Frau, all seiner Kinder und deren Kinder. Die Enkelkinder sind aktiv in der Kirche, und er und seine Frau wünschen sich nun sehnlichst, in die Welt hinauszuziehen, sobald sie sich aus dem Berufsleben zurückgezogen haben.

Wenn Sie die Majestät und Bedeutung und die geistige Führung bedenken, die dies Werk in der Welt hat, und dass es die Menschen der Erde erreichen soll, dann ist es aufregend, sich vorzustellen, was vor uns liegt.

Da gab es in Walnut Creek in Kalifornien einen Bruder und eine Schwester Andrus, die bereits vier Missionen absolviert hatten und dann berufen wurden, nach Simbabwe zu gehen, und zwar in den Distrikt Bulawayo. Es war ihre fünfte Mission.

Als sie von all dem Wunderbaren berichteten, was sie bei der Reaktivierung der Menschen tun konnten, erzählte sie die Geschichte von einer kleinen tragbaren Orgel im Gemeindehaus und wie sie begonnen hatte, einigen der Jungen und Mädchen in Bulawayo beizubringen, diese Orgel zu spielen. In einem anderen Raum befand sich ein Keyboard und so hatte sie eine Klasse dort, wo die Orgel stand, und eine andere dort, wo das kleine Keyboard war. Sie unterrichtete die Kinder nachmittags nach der Schule. Im Rahmen der Reaktivierung fingen sie auch mit einem Kurs zur Vorbereitung auf den Tempel an, erzählten sie weiter. Noch vor ihrer Abreise konnten sie 28 Menschen in einen Bus setzen, der von Bulawayo direkt nach Johannesburg zum Tempel fuhr – eine Strecke von über 1000 Kilometern, für die man zwei Tage und eine Nacht braucht. Weiter heißt es: “Wir haben uns darüber unterhalten, dass wir mit Ende 70, als alte Leute, durch Afrika ziehen und die großartigste Zeit unseres Lebens genießen, das aufregendste Erlebnis, das wir je hatten.”

Ich möchte auch an Dr. Alan Barker erinnern. Er hat sich von der Salt Lake Clinic pensionieren lassen. Er war ein ausgezeichneter Kardiologe hier in Salt Lake. Zusammen mit seiner Frau ist er auf Mission auf die Philippinen gegangen. Sie haben dort wunderbare Arbeit geleistet, indem sie bei der Bekämpfung einer ernsten Krankheit mitgewirkt haben. Er war lange genug da, um bei der Lösung des Problems helfen zu können und die notwendige medizinische Ausrüstung und Medikamente zu beschaffen.

Dies sind Beispiele für den wunderbaren Dienst, den ältere Missionarsehepaare in den unterschiedlichsten Gegenden der Welt leisten.

Ich versichere Sie meiner Zuneigung und bezeuge Ihnen, dass Gott lebt und dass dies Werk wahr ist. In der Bibel werden Sie das Wort Ruhestand nicht finden. Ich glaube, Sie werden das Wort auch nicht in einer Bibelkonkordanz finden. Ist es nicht interessant, sich vorzustellen, was heute in unserem Leben geschehen kann und welche Möglichkeiten vor uns liegen, wenn wir glauben und verstehen und uns verpflichten und weihen, die Grundsätze des Evangeliums Jesu Christi zu leben und so ein Segen für die Menschen zu sein?

Mögen Sie auf diese Weise gesegnet werden. Mögen Sie ein Brennen im Herzen verspüren. Mögen Sie so wie ich am heutigen Tag spüren, dass dies Werk wahr ist und dass es uns helfen soll, den ewigen Plan der Errettung und Erhöhung zustande zu bringen. Im Namen Jesu Christi, amen.