2000–2009
Eine Gemeinschaft von Heiligen errichten
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Eine Gemeinschaft von Heiligen errichten

“In einer wahren Gemeinschaft von Heiligen arbeiten wir alle daran, einander auf die beste Weise zu dienen, die uns nur möglich ist. Unsere Arbeit verfolgt einen höheren Zweck, weil damit andere gesegnet werden und das Reich Gottes errichtet wird.”

Im Leben eines jeden Menschen gibt es Erlebnisse, die eine neue und wichtige Bedeutung erhalten, wenn man Jahre später daran zurückdenkt. Als ich in der Junior-Highschool war, fühlte ich mich geehrt, als man mich fragte, ob ich ein Mitglied der Schüleraufsicht werden wolle. Wenn wir Aufsicht im Schulgebäude hatten, sollten wir unser Mittagessen mit zur Schule bringen und gemeinsam essen. Das war immer etwas Besonderes, und es gab immer einen Wettstreit, wessen Mutter das beste Essen vorbereitet hatte. Oft tauschten wir das Essen untereinander.

Als ich eines Tages wieder Aufsicht im Schulgebäude hatte, vergaß ich, meiner Mutter zu sagen, dass ich Mittagessen mitnehmen musste. Ich sagte es ihr erst kurz bevor ich ging. Als ich sie bat, etwas vorzubereiten, sah sie mich besorgt an und sagte, dass sie eben das letzte Brot für das Frühstück verbraucht hatte und erst am Nachmittag wieder backen würde. Für mein Mittagessen hatte sie nur noch ein großes süßes Brötchen, das beim Abendessen übrig geblieben war. Die süßen Brötchen, die meine Mutter machte, schmeckten sehr gut. Sie ordnete sie auf dem Backblech immer so an, dass oben über die ganze Breite ein großes Brötchen war und dann folgten mehrere Reihen mit kleinen Brötchen. Nur das große war übrig geblieben. Es war etwa so lang wie ein Brot, aber natürlich nicht so dick. Es war mir peinlich, dass ich zum Mittagessen nur ein süßes Brötchen hatte, denn ich stellte mir vor, was die anderen Mitglieder der Aufsichtsgruppe wohl dabei hätten. Doch ich sagte mir, es sei besser, dieses süße Brötchen zu haben als gar nichts.

Zur Mittagszeit ging ich in die entlegenste Ecke, um nicht aufzufallen. Als alle anfingen, ihr Essen zu tauschen, wollten meine Freunde wissen, was ich dabei hatte. Ich erzählte ihnen, was am Morgen geschehen war, und zu meinem Entsetzen wollten alle das große Brötchen sehen. Doch ich war überrascht: Meine Freunde lachten mich nicht aus, sondern wollten alle ein Stück von dem Brötchen haben. Es war mein bester Tauschtag im ganzen Jahr! Ich hatte gedacht, dass ich mich mit dem Brötchen blamieren würde, doch stattdessen wurde es der Renner der Mittagspause.

Als ich über dieses Erlebnis nachdachte, ist mir aufgefallen, dass wir Menschen vertrauten Dingen oft weniger Wert beimessen, nur weil wir sie so gut kennen. Eines dieser vertrauten Dinge könnte unsere Mitgliedschaft in der wiederhergestellten Kirche sein.

Die Mitglieder der Kirche besitzen eine “Köstliche Perle”, doch manchmal ist uns diese wertvolle Perle so vertraut, dass wir ihren wahren Wert gar nicht schätzen. Es ist wahr: Wir sollen unsere Perlen nicht den Schweinen vorwerfen. Das bedeutet aber nicht, dass wir sie nicht Menschen geben sollen, die ihren Wert zu schätzen wissen. Einer der wunderbaren Nebeneffekte der Missionsarbeit ist, dass wir beobachten können, welch großen Wert andere unserem Glauben beimessen, die ihn zuvor nicht kannten. Wir können sehr davon profitieren, wenn wir unseren Schatz durch die Augen eines anderen betrachten. Ich fürchte, dass wir die einzigartigen und wertvollen Segnungen, die uns durch die Mitgliedschaft in der Kirche des Herrn zuteil werden, oft als selbstverständlich ansehen. Wenn wir sie nicht gebührend zu schätzen wissen, neigen wir dazu, gleichgültig zu werden, und tragen weniger zur Errichtung einer Gemeinschaft von Heiligen bei.

Wir sind mit einem großen und edlen Erbe gesegnet, das uns einen Weg zur Wahrheit bereitet, der sich drastisch von den sogenannten Wegen der Welt unterscheidet. Wir müssen immer wieder an den Wert unseres Erbes denken, damit wir es gebührend würdigen. Ich fordere die vielen Heiligen, die sich in der Ecke verstecken, auf, aufrecht zu stehen und mit lauter Stimme die wertvollen Lehren unseres gemeinsamen Erbes zu verkünden - nicht angeberisch oder stolz, sondern mit Selbstvertrauen und Überzeugung.

Etwas, worauf ich sehr stolz bin, ist, wie unsere Vorfahren durch ihren Glauben an Gott, ihre Arbeit und ihre Ausdauer Orte, die niemand haben wollte, in wunderschöne Städte verwandelten.

Als Joseph Smith ohne Aussicht auf Entlassung im Gefängnis von Liberty war, wurde ein Befehl erlassen, dass die Heiligen ausgerottet werden sollten. Deshalb musste Brigham Young die Heiligen darauf vorbereiten, Missouri zu verlassen. Als sie im Februar 1839 Missouri verließen, klagten viele, der Herr hätte sein Volk verlassen. Manche Mitglieder bezweifelten, dass es klug sei, alle Heiligen noch einmal an einem Ort zu sammeln.

Es stellte sich heraus, dass die Überquerung des Mississippi und der Aufenthalt in einigen kleinen Orten am Ufer den Mitgliedern eine Pause verschaffte, die sie brauchten, um neue Weisung von ihren Führern zu bekommen. Der Prophet Joseph Smith schrieb aus dem Gefängnis von Liberty und forderte die Heiligen auf, sich nicht zu zerstreuen, sondern sich zu sammeln, um an Stärke zu gewinnen und von da ausgehend die Kirche zu errichten.

Im April 1839 konnten Joseph und Hyrum Smith und die anderen Gefangenen aus dem Gefängnis in Missouri fliehen. Am 22. April 1839 kamen sie in Quincy im Bundesstaat Illinois an. Der Prophet machte sich sofort daran, einen Ort zu finden, an dem sich die Heiligen sammeln konnten. Er fand eine vielversprechende Stelle am Mississippi-Ufer. Er nannte die Stadt Nauvoo, die “Schöne”, doch zu jener Zeit war sie alles andere als schön. Es war eine sumpfige Halbinsel, die nicht trockengelegt war. Auf dem sumpfigen Land entstand eine Stadt, die man wahrhaft als schön bezeichnen konnte.

Die ersten Behausungen in Nauvoo waren Hütten, Zelte und einige verlassene Gebäude. Dann begannen die Heiligen, Blockhäuser zu bauen. Wenn genügend Zeit und Geld vorhanden war, wurden Fachwerkhäuser errichtet und später wurden feste Steinhäuser gebaut.

Der Prophet wollte eine Gemeinschaft von Heiligen errichten. Er legte auf drei Bereiche großen Wert: erstens Wirtschaft, zweitens Bildung und drittens Geistigkeit.

Es war der Wunsch des Propheten Joseph Smith, dass die Heiligen wirtschaftlich unabhängig werden. Unser Vater im Himmel hat seinen Kindern all das gegeben, was sie haben, nämlich ihre Talente, ihre Fähigkeiten und ihre materiellen Güter, und er hat sie als Verwalter über diese Segnungen eingesetzt.

Ein wertvoller Überrest vom Streben nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit ist das Wohlfahrtsprogramm der Kirche. Es besteht aus zwei entscheidenden Bestandteilen: Der erste ist der Grundsatz der Liebe und der zweite der Grundsatz der Arbeit. Der Grundsatz der Liebe gibt uns den Antrieb, diesem wunderbaren Programm unsere Zeit, unser Geld und unseren Dienst zur Verfügung zu stellen. Der Lieblingsjünger Johannes schrieb:

“Wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.

Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.

Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben.

Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.” (1 Johannes 4:7–9,11.)

Und in 1 Johannes, im dritten Kapitel lesen wir:

“Wenn jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschließt, den er in Not sieht, wie kann die Gottesliebe in ihm bleiben?” (1 Johannes 3:17.)

Wir verstehen den Grundsatz der Liebe so, dass wir aufgefordert werden, ein großzügiges Fastopfer zu spenden. Es steckt ein herrliches, offenbartes System dahinter, dass wir am ersten Sonntag jedes Monats freiwillig auf zwei Mahlzeiten verzichten und das auf diese Weise gesparte Geld unserem Bischof übergeben. Dadurch hat er die nötigen Mittel, den Bedürftigen zu helfen. Dieses System tut uns nicht sonderlich weh, wir bekommen dadurch eine größere Achtung vor den Bedürftigen, und es wird ein Weg bereitet, wie man ihnen das geben kann, was sie brauchen.

Möge der Herr uns auch weiterhin mit dem Wunsch segnen, einander unsere Liebe zu erweisen und ein großzügiges Fastopfer zu spenden.

Der zweite wichtige Grundsatz ist die Arbeit. Für den Erfolg des Wirtschaftsplans des Herrn ist die Arbeit genauso wichtig wie das Gebot der Nächstenliebe.

In Lehre und Bündnisse lesen wir:

“Ich, der Herr, habe an den Einwohnern Zions kein Wohlgefallen, denn es gibt Müßiggänger unter ihnen, und ihre Kinder wachsen auch in Schlechtigkeit auf; sie trachten auch nicht ernsthaft nach den Reichtümern der Ewigkeit, sondern ihre Augen sind voller Habgier.

Das darf nicht sein und muss von ihnen abgeschafft werden.” (LuB 68:31,32.)

Ich bin besonders darüber besorgt, was der Herr hier über die Kinder sagt. Wir sehen, dass viele Eltern ihre Kinder zu sehr verwöhnen und sie nicht ausreichend über den Wert der Arbeit unterweisen.

In einer Gemeinschaft von Heiligen arbeiten wir alle daran, einander auf die beste Weise zu dienen, die uns nur möglich ist. Unsere Arbeit verfolgt einen höheren Zweck, weil damit andere gesegnet werden und das Reich Gottes errichtet wird.

Die zweite Anforderung an die Gesellschaft von Heiligen unter dem Propheten Joseph Smith war Bildung. Bereits 1840, als er die Anerkennung der Stadt Nauvoo beantragte, beantragte er auch die Gründung einer Universität.

In der Encyclopedia of Mormonism lesen wir:

“Die Vorstellungen und die Praktiken der Kirche im Hinblick auf Bildung entstammten bestimmten Offenbarungen, die Joseph Smith erhalten hatte, in denen die ewige Natur der Bildung betont und bekräftigt wird, welch entscheidende Rolle das Lernen bei der geistigen, moralischen und intellektuellen Entwicklung der Menschheit spielt.” (“Education: Attitudes Toward Education” in Daniel H. Lundlow, Hg., Encyclopedia of Mormonism, [1992], Seite 441.)

In unseren neuzeitlichen Schriften gibt es einige Verse, in denen die Bedeutung von weltlichem und geistigem Wissen betont wird, beispielsweise im Buch Mormon:

“Und doch, es ist gut, gelehrt zu sein, wenn man auf Gottes Ratschläge hört.” (2 Nephi 9:29.)

Und in Lehre und Bündnisse:

“Jeglicher Grundzug der Intelligenz, den wir uns in diesem Leben zu eigen machen, wird mit uns in der Auferstehung hervorkommen.

Und wenn jemand in diesem Leben durch seinen Eifer und Gehorsam mehr Wissen und Intelligenz erlangt als ein anderer, so wird er in der künftigen Welt um so viel im Vorteil sein.” (LuB 130:18,19.)

In den Glaubensartikeln heißt es:

“Wenn es etwas Tugendhaftes oder Liebenswertes gibt, wenn etwas guten Klang hat oder lobenswert ist, so trachten wir danach.” (13. Glaubensartikel.)

Der letzte Wunsch des Propheten Joseph Smith war, eine Gemeinschaft von geistig gesinnten Heiligen zu errichten. Dies beginnt zu Hause. Die wichtigsten Belehrungen, die unsere Kinder jemals bekommen, sind die Belehrungen, die sie zu Hause von den Eltern erhalten, wenn die Eltern ihre Kinder eifrig über den Weg belehren, den unser Vater im Himmel für sie vorgesehen hat. Die Führer der Kirche haben uns angewiesen, regelmäßig den Familienabend abzuhalten, bei dem wir einmal pro Woche zusammenkommen, Evangeliumsgrundsätze lernen und die Einheit in der Familie festigen können. Hier können wir uns beraten, in den heiligen Schriften lesen, gemeinsam beten und zusammen spielen. Unser größtes Ziel ist es, eine ewige Familie zu schaffen. Familie um Familie errichten wir die Gemeinschaft der Heiligen.

Ein herrlicher Tempel wurde in Nauvoo gebaut, um die ewige Familie zu ermöglichen. Er stand da wie ein Leuchtturm und erinnerte die Menschen daran, dass die wichtigsten Segnungen im Leben geistige Segnungen sind. Im Tempel werden heilige Bündnisse geschlossen und die errettenden heiligen Handlungen des Evangeliums vollzogen. Wenn wir oft in den Tempel gehen, können wir diese Bündnisse erneuern und die heiligen Handlungen stellvertretend für Menschen vollziehen, die ohne diese Segnungen gestorben sind.

Jetzt gibt es überall auf der Erde Tempel. Dadurch haben viel mehr Menschen die Möglichkeit, die heiligen Handlungen zu erhalten, die für das ewige Leben notwendig sind. Diejenigen, die würdig sind, in den Tempel zu gehen, erhalten große geistige Segnungen, wenn sie weiterhin treu dienen und ihre Bündnisse halten. Der Herr segnet sein Volk, wenn es seine Gebote hält und oft in sein Haus kommt. Im ewigen Plan Gottes sind unsere Tempel Sammlungsorte für die Gemeinschaft von Heiligen, die daran arbeiten, Zion zu errichten.

In unserer Gemeinschaft von Heiligen wird nichts ausgeschlossen, sondern alles eingeschlossen. Sie ist auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; Jesus Christus selbst ist der Eckstein. Sie ist offen für jeden von uns, der Liebe, Wertschätzung und Mitgefühl für die Kinder unseres himmlischen Vaters hat. Die beiden Bestandteile des Fundaments unserer wirtschaftlichen Wohlfahrt sind die Grundsätze Nächstenliebe und harte Arbeit. Es ist eine fortschrittliche Gemeinschaft, in der unsere Jugendlichen Höflichkeit und auch die tieferen Wahrheiten des wiederhergestellten Evangeliums lernen. Unsere Gemeinschaft ist geistig ausgerichtet und gestattet uns, den Heiligen Geist mit uns zu haben, der uns in unserem Leben führt und leitet.

Möge der Herr uns den Wunsch schenken, ihm näher zu sein, so dass wir uns an den Segnungen Frieden, Harmonie, Sicherheit und Liebe zu allen Menschen erfreuen können - den Merkmalen einer Gemeinschaft, die mit ihm eins ist. Er ist unser Gott. Wir sind seine Kinder. Das bezeuge ich Ihnen im Namen Jesu Christi, amen.

 Historische Informationen sind entnommen aus Die Geschichte der Kirche in der Fülle der Zeiten. (Institutsleitfaden; Seite 193–224.)