Generalkonferenz
    Ein Jünger, ein Freund
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    Ein Jünger, ein Freund

    Es geht in Wirklichkeit nicht darum, wie andere uns definieren, sondern darum, wie der Erretter uns definiert.

    Vor einigen Jahren, als ich noch in einer anderen Organisation tätig war, kam unser Personalchef, ein gläubiger Katholik, mit seiner Sekretärin Darlene in mein Büro. Es war offensichtlich, daß Darlene nicht freiwillig da war und lieber anderswo gewesen wäre. Der Personalchef begrüßte mich mit den Worten: „Würdest du Darlene bitte erklären, daß Mormonen Christen sind. Ich diskutiere jetzt schon seit über einer halben Stunde mit ihr und kann sie einfach nicht davon überzeugen. Sie muß es von dir hören.“

    Meine erste Sorge war, daß ich vielleicht etwas getan hatte, was Darlene veranlaßte, meinen Glauben an den Erretter und meine Treue ihm gegenüber in Frage zu stellen. Doch dann erkannte ich schnell, daß ihre Zweifel nicht mir persönlich galten.

    Nachdem ich die beiden gebeten hatte, sich zu setzen, fragte ich Darlene, warum sie dachte, daß wir keine Christen seien. Sie antwortete, ihr Geistlicher habe ihr das gesagt. Ich fragte sie, ob sie den offiziellen Namen der Kirche kannte. Das war nicht der Fall. Sie kannte die Kirche nur unter dem Namen Mormonen. Ich sagte ihr, der Name sei Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, und fragte dann, ob das nicht ein seltsamer Name für eine Kirche sei, die angeblich nicht christlich sei. Dann bat ich meinen katholischen Freund, aufgrund der vielen Gespräche, die wir in Flugzeugen, in Hotels, beim Abendessen und auch privat geführt hatten, zu erläutern, was er im Zusammenhang mit Christus, seinen Lehren und unserem Glauben über uns wußte. Er erklärte es mit wahrscheinlich größerer Glaubwürdigkeit, als ich es hätte tun können.

    Darlene erwiderte darauf, ihr Geistlicher habe gesagt, daß wir nicht an die Bibel glaubten, sondern das Buch Mormon an ihre Stelle gesetzt hätten. Da zitierte ich ihr den achten Glaubensartikel: „Wir glauben, daß die Bibel, soweit richtig übersetzt, das Wort Gottes ist; wir glauben auch, daß das Buch Mormon das Wort Gottes ist.“

    Dann erklärte ich, daß das Buch Mormon eine weitere heilige Schrift sei, die die Bibel ergänzte und ein zweiter Zeuge für Christus sei. Es erläuterte und erhellte viele der heiligsten und wichtigsten Lehren Christi. Sie antwortete: „Unser Geistlicher sagt, das Buch Mormon könne nicht die Lehren Christi enthalten, da es nach dem Tod der Apostel keine Offenbarungen und somit nach der Bibel auch keine weitere heilige Schrift mehr geben könne.“ Ich fragte sie: „Fragst du dich nicht, warum unser liebender Vater in unserer Zeit der raschen Veränderungen in der stürmischen und unruhigen Welt, die voll verwirrender Probleme ist, aufhören sollte, sich seinen Kindern, die er so sehr liebt, daß er seinen einziggezeugten Sohn für sie geopfert hat, mitzuteilen?“ Wir unterhielten uns noch 15 bis 20 Minuten, wobei ich ihr zu erklären versuchte, daß wir buchstäblich an das Sühnopfer und die Auferstehung und andere wichtige Lehren des Erretters glauben. Schließlich gab ich so eindringlich wie möglich von unserem liebenden Vater und seinem bereitwilligen Sohn Zeugnis.

    Am Ende unseres Gesprächs gab sie noch immer die gleiche Antwort: „Mein Geistlicher hat es so gesagt, und so ist es auch.“ Dabei wurde es dann belassen, und ich blieb enttäuscht und etwas beunruhigt über dieses Mißverständnis zurück.

    Es ist interessant, wie mangelnder Einblick einiger weniger viele andere unabsichtlich oder absichtlich in die Irre führen kann. Das Herz und das Gewissen eines Menschen zu beurteilen, das überläßt man wohl am besten dem gerechten Richter aller. Gewiß wird letztlich der Erretter entscheiden, wer ein wahrer Jünger Christi ist, denn er hat gesagt: „Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen.“ (Johannes 10:14.)

    Nachdem Reverend Charles Taylor, ein Geistlicher, mit dem ich befreundet bin, einige grundlegende Lehren der Kirche kennengelernt hatte, rief er mich an, um mir von seiner erweiterten Kenntnis des Evangeliums zu berichten. Er erklärte eifrig: „Wenn man sich die Zeit nimmt, sich mit den Lehren der Mormonenkirche zu befassen, wird es ganz klar, daß die Mormonen wahre Christen sind. Tatsächlich bin ich noch nie christlicheren Menschen begegnet, als die Mormonen es sind, die ich in letzter Zeit kennengelernt habe.“

    Ich erwiderte, daß ich interessiert sei, mehr über seine Gefühle und seine Erkenntnis zu erfahren, wenn er die Möglichkeit gehabt hatte, das Buch Mormon zu lesen, und sein Zeugnis und seine Lehren vom Erretter kannte. Seine Antwort lautete: „Ich lese das Buch Mormon bereits, und es ist wundervoll, darin zu lesen. Es hat meine Erkenntnis von Christus und seiner Mission erweitert. Ich spüre einen wunderbaren Geist, wenn ich darin lese.“

    Mein Freund nahm sich die Zeit, es selbst herauszufinden, ehe er sich ein Urteil bildete. Er versuchte nicht, andere aufgrund seines mangelnden Einblicks oder seiner falschen Auffassung zu beeinflussen. Das schien mir ein verantwortungsvolles Vorgehen zu sein ­ sich um Verstehen bemühen, bevor man urteilt und vor allem bevor man versucht, andere von der eigenen falschen Auffassung zu überzeugen.

    Und Darlene möchte ich noch einmal darauf hinweisen, daß Jesus Christus im Mittelpunkt jeder Lehre, jeder Verordnung und jedes Grundsatzes der Kirche steht ­ wie es der Name der Kirche besagt. Das Buch Mormon gibt Zeugnis von Jesus Christus und bekräftigt und erhellt seine Lehren. Nephi, ein Prophet des Buches Mormon, erklärt der Welt: „Und wir reden von Christus, wir freuen uns über Christus, wir predigen Christus, wir prophezeien von Christus, und wir schreiben gemäß unseren Prophezeiungen, damit unsere Kinder wissen mögen, von welcher Quelle sie Vergebung ihrer Sünden erhoffen können.“ (2 Nephi 25:26.)

    Nephi erklärte weiter: „Kein anderer Name [ist] unter dem Himmel gegeben worden als nur dieser, Jesus Christus, von dem ich gesprochen habe, wodurch der Mensch errettet werden kann.“ (2 Nephi 25:20.)

    Das Erlebnis mit Darlene hat mich noch jahrelang beschäftigt, und sein Ausgang hat mich beunruhigt. Aber ich bin zu dem Schluß gekommen, daß mich Standpunkte, die auf Mißverständnissen und irrigen Lehren beruhen, nicht beunruhigen sollten, abgesehen davon, daß ich versuchen muß, solche falschen Auffassungen aufzuklären. Eigentlich geht es aber nicht darum, wie andere uns bezeichnen, sondern wie der Erretter uns bezeichnet. Die Frage lautet also: Wie sieht er einen jeden von uns?

    Deshalb müssen wir als Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage uns vor allem mit unserer Beziehung zum himmlischen Vater und zum Erretter Jesus Christus befassen.

    In den letzten Augenblicken seines rechtschaffenen und vorbildlichen Lebens nahm mein Vater seine ganze Kraft zusammen und sagte mit kaum hörbarer Stimme: „Ich hoffe nur, daß der Erretter mich für würdig befinden wird, mich seinen Freund zu nennen.“ So wie mein Vater sich danach sehnte, frage ich mich auch, ob Christus mich zu seinen Schafen zählen würde. Kann er sehen, daß ich mich bemühe, nach seinen Lehren und seinen göttlichen Grundsätzen zu leben? Würde er mich seinen Jünger nennen? Würde er mich seinen Freund nennen? Nur darauf kommt es wirklich an.

    Der Erretter erklärte im fünfzehnten Kapitel des Evangeliums nach Johannes, was für seine Freundschaft maßgeblich ist: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ (Johannes 15:14.) Und die Feuerprobe definierte er, als er sagte: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ (Matthäus 7:16; siehe auch Vers 17,18,20.) Danach werden wir gerichtet ­ nach unsere Früchten, ob gut oder schlecht. Beim Jüngsten Gericht werden wir, wenn unsere Früchte es zulassen, eingeladen, zur rechten Hand Gottes zu sitzen. Dort werden wohl seine Freunde sein.

    Wenn wir uns also ernsthaft bemühen, ein christliches Leben zu führen, auch wenn wir manchmal schwach sind und straucheln, darf es kaum von Bedeutung sein, wie andere uns charakterisieren wollen. Wir sind dafür verantwortlich, wie christlich wir sind. Andere mögen uns charakterisieren, wie sie wollen, aber der wahre und gerechte Richter wird uns so beurteilen, wie wir sind. Wir entscheiden darüber, inwiefern wir seine Jünger sind, niemand sonst.

    Bei der Taufe haben wir freiwillig den Namen Christi auf uns genommen. Wenn wir seinen Namen auf uns nehmen, schließen wir einen Bund und versprechen, seine Lehren zu befolgen. Wir können jedesmal, wenn wir das Abendmahl nehmen, unseren Bund erneuern und unser tägliches Leben überdenken.

    Wir können uns die üblichen Fragen stellen: Beten wir jeden Tag persönlich und als Familie? Lesen wir die heiligen Schriften? Halten wir den Familienabend, und zahlen wir den Zehnten? Die Liste läßt sich fortsetzen. Die eigentliche Frage lautet jedoch: Sind wir im Begriff, ein Jünger zu werden? Sind wir im Begriff, ein Freund zu werden?

    Alma fragte: „Seid ihr geistig aus Gott geboren? Habt ihr sein Abbild in euren Gesichtsausdruck aufgenommen? Habt ihr diese mächtige Wandlung im Herzen erlebt?“ (Alma 5:14.) Im Grunde geht es um die Wandlung im Herzen ­ eine Wandlung, die dazu führt, daß wir unser Leben ändern.

    Alma stellte noch weitere, diesmal konkretere Fragen, nämlich:

    • „Seid ihr so gewandelt, daß ihr euch vor Gott untadelig gehalten habt?“

    • „Wenn jetzt der Ruf an euch erginge zu sterben, … [seid ihr] genug demütig gewesen?“

    • „Habt ihr den Stolz von euch getan?“

    Heute könnten wir noch die folgenden Fragen hinzufügen:

    • Lieben wir unsere Brüder wie uns selbst?

    • Sind wir in unseren Geschäftsbeziehungen und allen anderen Beziehungen völlig ehrlich?

    • Kommt unsere Familie an erster Stelle ­ noch vor unseren eigenen Interessen?

    • Haben wir Gutes am heutigen Tag getan?

    • Folgen wir der Ermahnung und den Lehren des Propheten?

    Ja, es geht um die Frage: Setzen wir unsere äußerliche Gottesverehrung in ein christliches Leben um? Es genügt nicht, einfach nur von Christus zu reden, Christus zu verkünden oder sogar von Christus zu prophezeien (siehe 2 Nephi 25:26). Wir müssen als Jünger Christi leben, denn aufgrund unseres täglichen Lebens wird der Erretter entscheiden, ob wir ein wahrer Jünger sind, ein Freund.

    Den Darlenes dieser Welt möchte ich sagen, daß unsere Früchte hoffentlich die Bezeichnung christlich verdienen. Und uns, den Mitgliedern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, möchte ich sagen, daß unsere Taten, unser Handeln, unser Herz und unser Gesichtsausdruck hoffentlich für die Lehren des Erretters beispielhaft sind und unsere Dankbarkeit für sein großes Sühnopfer für jeden von uns erkennen lassen.

    Denen, die sich fragen, wie Christus in unsere Theologie und unser persönliches Leben paßt, bezeugen wir, daß Christus der Erlöser der Welt ist. Er ist unser Herr, unser Licht und unser Erretter. Er wurde aus der Höhe dazu ordiniert, hinabzusteigen unter alles und unvorstellbar zu leiden! Er steht im Mittelpunkt all dessen, was wir lehren und was wir tun. Als Kirche sind wir einzelne Christen, die sich bemühen, sich gegenüber dem Erretter als seine Jünger zu erweisen. Das ist keine Sache der Institution, sondern Sache jedes einzelnen.

    Mein Zeugnis ist, daß er lebte, daß er starb und daß er lebt. Er hat für unsere Sünden gesühnt. Ich bete darum, daß jeder von uns so lebt und Gott so verehrt, daß er von Mitgliedern und Nichtmitgliedern gleichermaßen klar und deutlich als wahrer Jünger des lebendigen Christus erkannt wird. Aber, noch wichtiger, ich bete darum, daß wir von dem wahren und gerechten Richter aller, dem Herrn Jesus Christus selbst als solcher erkannt werden. Welch größeren Lohn kann jemand empfangen, als von ihm als wahrer und treuer Diener anerkannt zu werden, als Jünger, als Freund. Im Namen Jesu Christi, amen.