1990–1999
Die gereifte Liebe eines Kindes
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Die gereifte Liebe eines Kindes

Aufrichtig gegebene Liebe wird mit Liebe erwidert. Wenn Liebe so gegeben wird, führt sie zu Vertrauen, Beistand und einem Maß an Sicherheit, die ihresgleichen suchen.

Die Gedanken, die ich Ihnen heute mitteilen möchte, drehen sich um drei Aussagen, die der Erretter während seines irdischen Wirkens machte. Als er das „erste Gebot von allen" definieren sollte, antwortete er: „[Du] sollst … den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft." (Markus 12:30.) Darum muß uns der Gehorsam gegenüber diesem Gebot wichtiger sein als alles andere. Alles, was wir tun, muß unsere Liebe für unseren Vater im Himmel belegen.

Jesus zeigt verschiedene Möglichkeiten auf, wie wir die Liebe zeigen können, die wir für ihn und den himmlischen Vater verspüren sollen. Er brachte es mit den folgenden Worten knapp zum Ausdruck: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten." (Johannes 14:15.)

Dann fügte unser Erretter eine weitere kurze und leicht verständliche Aussage hinzu: „Liebt einander." (Johannes 13:34.) Unsere Liebe zu Gott und Jesus Christus und unsere Liebe für einander soll das Fundament unseres Handelns und Fühlens sein. Aufrichtig gegebene Liebe wird mit Liebe erwidert. Wenn Liebe so gegeben wird, führt sie zu Vertrauen, Beistand und einem großen Maß an Sicherheit, die ihresgleichen suchen. Ein Kind kuschelt sich ganz selbstverständlich in die Arme seiner Mutter und sucht nach Liebe und Schutz bei dem Menschen, der ihm das Leben geschenkt hat. Diese angeborene Liebe scheint als Beispiel für das Gebot zu dienen, einander zu lieben. Andere zu lieben scheint Kindern leicht zu fallen. Die Erwartung, dafür wiedergeliebt zu werden, scheint ihnen ebenfalls angeboren.

Diese typische Neigung von Kindern zu lieben fiel mir bei meinem ersten Besuch in Rumänien zum ersten Mal richtig auf. Ich erinnere mich noch deutlich daran. Schwester Choules und ich besuchten mit unseren Wohlfahrtsmissionaren dort verschiedene Einrichtungen. In einem Waisenhaus sahen wir einen ziemlich langen, schmalen verglasten Raum, in dem an die zwanzig Kinder spielten. Sie waren etwa drei Jahre alt. Den größten Teil des Tages beschäftigten sie sich mit sich selbst und miteinander, offensichtlich ohne nennenswerte Betreuung durch Erwachsene. Ich fragte die Aufseherin, ob ich die Tür öffnen und ein paar Fotos machen dürfe. Sie war einverstanden. Als ich die Tür öffnete, drängten viele Kinder heraus. Ich wurde an meine Jugend erinnert, an Rinder und Pferde, die genauso in die Freiheit drängten, wenn das Gatter zum Korral geöffnet wurde. Diese Kinder drängten nicht in die Freiheit, sie hungerten nach Liebe. Bald klammerten sich mehrere an unsere Beine und streckten sich nach der Liebe, nach der es sie so hungerte. Ich werde immer das Bild vor Augen haben, das ich von Schwester Choules machte, als sie eines dieser Kinder umarmte und die beiden einander fest umschlungen hielten. Diese Kinder wollten nur geliebt werden und dafür Liebe geben. Diese Kleinen und andere Kinder scheinen mit diesem ungehemmten Wunsch und dieser uneingeschränkten Fähigkeit geboren zu sein.

Wenn wir dann jedoch älter werden, scheint uns etwas zu beeinträchtigen. Es fällt uns anscheinend schwerer, aufrichtig Liebe zu geben und zu nehmen, wie Kinder das so selbstverständlich tun. Der Herr hat nicht nur gesagt: „Liebt einander", sondern er hat dem noch die Worte vorangestellt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!" Dann lehrte er, was für eine Liebe wir pflegen sollen, und fuhr fort: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." (Johannes 13:34.)

Oft habe ich mich gefragt: Warum muß uns Erwachsenen geboten werden, das zu tun, was Kindern so leicht fällt? Vielleicht hat Christus darum gesagt, daß jeder von uns danach streben soll, wie ein kleines Kind zu werden, „denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich" (Matthäus 19:14).

Das Himmelreich, nach dem wir streben, kann mit einem himmlischen Leben hier und heute beginnen. Wir können die gereifte Liebe eines Kindes entwickeln. Präsident David O. McKay hat gesagt:

Ich kenne außer dem Zuhause keinen Ort, wo in diesem Leben mehr Glück gefunden werden kann. Es ist möglich, das Zuhause zu einem Stück Himmel zu machen. Ja, ich stelle mir den Himmel als eine Fortsetzung des idealen Zuhauses vor. Ein Mann hat gesagt: „Das Zuhause, das mit Zufriedenheit erfüllt ist, gehört zu den erhabensten Hoffnungen dieses Lebens." (Gospel Ideals, Seite 490.)

Wie machen wir unser Zuhause zu einem idealen Zuhause und zum richtigen Auftakt zum Himmel? Ich glaube, wir beginnen mit der Ermahnung des Erretters, nämlich seine Gebote zu halten und das vor allem in der Familie. Mann und Frau - Vater und Mutter - geben das Beispiel und geben den Ton an für das, was zu Hause geschieht. Hoffentlich nimmt die Beziehung an einem heiligen Altar in einem Tempel ihren Anfang. Dort knien sie und wissen, daß sie beide dieses heiligen Vorzugs würdig sind. Sie sind bereit und willens, heilige Bündnisse einzugehen - einander und das Ziel, miteinander im Himmel zu sein, über alles im Leben zu stellen. Selbstsucht muß beiseite gelegt werden. Sie beginnen eine Partnerschaft eine vollwertige Partnerschaft - die ewig dauern soll.

In den letzten Jahren sind mir zu viele Fälle bekannt geworden, in denen ein Mann besonders versuchte, zu dominieren und ungerechte Herrschaft auszuüben, einfach weil er sich eingeredet hatte, das sei seine Rolle als Mann. Manch einer verkündet irrigerweise, daß es recht sei, weil er das Priestertum trage. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein. Die heiligen Worte in Abschnitt 121 von,Lehre und Bündnisse' strafen diese Ansicht Lügen. Die Schrift sagt deutlich:

„Kraft des Priestertums kann und soll keine Macht und kein Einfluß anders geltend gemacht werden als nur mit überzeugender Rede, mit Langmut, mit Milde und mit ungeheuchelter Liebe, mit Wohlwollen und mit reiner Erkenntnis, wodurch sich die Seele sehr erweitert - ohne Heuchelei und ohne Falschheit.

Alsbald mit aller Deutlichkeit zurechtweisend, wenn dich der Heilige Geist dazu bewegt, wirst du danach aber demjenigen, den du zurechtgewiesen hast, vermehrte Liebe erweisen, damit er nicht meint, du seiest sein Feind,

damit er weiß, daß deine Treue stärker ist als die Fesseln des Todes." (LuB 121:41-44.)

Im Gegensatz dazu kann ein gedankenloser und herrischer Mann die Formulierung „mit aller Deutlichkeit zurechtweisend" zum Gespött machen. Ja, er weist vielleicht mit aller Deutlichkeit zurecht - oft mit erhobener Stimme, mit vulgären Worten und von schändlichen körperlichen Handlungen und sonstigen Formen von Mißhandlung begleitet. Vergessen ist die Bedingung „wenn dich der Heilige Geist dazu bewegt". Keine Form der Mißhandlung hat die Billigung des Himmels, geschweige denn ihren Ursprung dort. So ein Mann hat anscheinend auch vergessen, daß er vor noch nicht all zu langer Zeit an einem heiligen Altar gekniet und mit seiner lieben Gefährtin und mit Gott das Bündnis geschlossen hat, alle Gebote des Herrn zu halten. Kein Mann und vor allem: kein Priestertumsträger - hat das Recht, eine Frau lieblos zu behandeln, vor allem seine Frau, mit der er hofft, ewige Freude zu erleben. Gewiß: ungerechte Herrschaft kann nicht mit der irrigen Auffassung entschuldigt werden, als Ehemann, Familienvorstand oder gar unter dem Schirm des Priestertums habe man die Erlaubnis dazu. Die Schrift ist eindeutig: wenn heilige Vollmacht mißbraucht wird, dann zieht sich die Vollmacht des Priestertums zurück. (Siehe LuB 121:34,37.)

Eider M. Russell Ballard betonte das auf der letzten Generalkonferenz. Er sagte:

„Wenn ein Mann die besonderen Mächte des Himmels für seine eigenen, selbstsüchtigen Absichten einsetzen will und versucht, das Priestertum in der Kirche oder zu Hause auch nur mit dem geringsten Maß von Unrecht anzuwenden, dann versteht er einfach nicht, welcher Art seine Vollmacht ist. Das Priestertum ist zum Dienen da, nicht zum Dienen lassen, zum Mitfühlen, nicht zum Zwang; zur Fürsorge, nicht zur Kontrolle. Wer anders denkt, bewegt sich außerhalb des vorgegebenen Rahmens der Priestertumsvollmacht.

Glücklicherweise dienen die meisten Väter und Priestertumsbeamten mit Liebe, genau wie die meisten Mütter und Leiter der Hilfsorganisationen. Eine auf Liebe gegründete Führung bringt eine unglaubliche Macht. Sie ist wirklich, und sie erzeugt im Leben der Kinder des Vaters dauerhafte Auswirkungen. (Der Stern, Januar 1994, Seite 73.)

Paulus lehrte kurz und prägnant: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat." (Epheser 5:25.) Wenn zwischen Mann und Frau wahre Liebe herrscht, wollen sie sich einander und füreinander geben, wie Christus sich gegeben hat. Wir geben für einander jeden Tag, wenn wir uns bemühen, einander glücklich zu machen. Dann hören wir auf, selbstsüchtig an uns und unsere eigenen Bedürfnisse zu denken. Dann denken wir nicht nur an dieses, sondern an das kommende Leben. Der Erretter hat uns gesagt, wenn wir heiraten, und zwar „durch mein Wort, nämlich mein Gesetz, und durch den neuen und immerwährenden Bund … und wenn [ihr] in meinem Bund aushaltet] …, dann wird ihnen alles geschehen, was mein Knecht ihnen zugebilligt hat - in der Zeit und in aller Ewigkeit; und ihr Bund wird voll in Kraft sein, wenn sie außer der Welt sind, und sie werden an den Engeln und den Göttern, die dort hingestellt sind, vorbeigehen zu ihrer Erhöhung und Herrlichkeit in allem, wie es auf sie gesiegelt worden ist, und diese Herrlichkeit wird eine Fülle sowie ein Weiterbestand der Nachkommen sein, für immer und immer" (LuB 132:19). Das sind die großartigen und wunderbaren Segnungen der Erhöhung, der Herrlichkeit und des ewigen Lebens. Sie werden nur im heiligen Tempel auf uns gesiegelt. Sie können in der Tat uns gehören. Angesichts dieser ewigen Aussichten dürfen nur liebevolle Gedanken und Taten in unserer Familie vorherrschen, wo wir einander auf dem Weg zur Erhöhung weiterhelfen. Diese Aussicht macht uns nicht nur für die Ewigkeit bereit, sondern macht uns hier und heute glücklicher und zufriedener.

Ich habe die führenden Brüder beobachtet, die die Rechte des Priestertums und die Bedürfnisse der Ewigkeit vielleicht besser als jeder andere verstehen. Ich habe beobachtet, wie sie von ihren lieben Frauen sprechen und mit ihnen umgehen. Sie sind uns ein Vorbild an Liebe, Achtung und Güte, und wir täten gut daran, ihnen nachzueifern.

Kinder lernen, das Verhalten ihrer Eltern nachzuahmen. Wenn Eltern den Sonntag heilig halten, wenn sie zur Kirche gehen, wenn sie treu in ihrer Berufung dienen und die Führer nicht kritisieren, wenn sie den Worten der Weisheit Beachtung schenken, wenn sie gern den Zehnten und die Spenden zahlen, wenn sie die Tempelbündnisse in Ehren halten und die anderen Gebote leben und lehren, erhalten die Kinder ein Fundament von unschätzbarem Wert. Der Sohn, die Tochter wird seine Frau bzw. ihren Mann so behandeln, wie sie es bei den Eltern gesehen haben. Ja, wir können unser Zuhause zu einem Stück Himmel machen, wie Präsident McKay gesagt hat. Wir legen auch das Fundament für das Zuhause unserer Kinder.

Ich liebe meine Frau Marilyn sehr und bin dankbar für sie, für die Jahre, die wir zusammen gehabt haben, und für die Liebe, die sie mir auf so vielerlei Weise gibt. Sie ist eine wunderbare Frau, Mutter und Großmutter und dient dem Herrn treu in dem, was sie tut. In meinem täglichen Gebet danke ich für sie und bitte, daß ich der Ehemann sein kann, der ich sein sollte und sein möchte. Ich bin dankbar für unsere Kinder und Enkelkinder und für die Liebe, die wir füreinander haben.

Ich gebe Zeugnis, daß Gott und Jesus Christus leben, daß wir glücklicher und sicherer werden, wenn wir sie lieben und ihre Gebote halten und einander lieben vor allem unseren Ehepartner und unsere Kinder. Ich bin dankbar für die Brüder, die uns führen, und ich bezeuge, daß sie von Gott berufen sind. Es macht mich dankbar und demütig, daß ich mit ihnen dienen kann. Ich bete für sie und für jeden von Ihnen. Im Namen Jesu Christi. Amen.