1990–1999
Ihr seid nicht allein
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Ihr seid nicht allein

„Das Schwerste am Erwachsenwerden ist, daß man nie fertig wird. Aber wir sind nicht allein."

Ich habe Ardeth Kapp und Jayne Malan und die Ausschußmitglieder, die gerade entlassen worden sind, sehr lieb. Und ich hatte ein wunderbares Gefühl, als Präsident Monson mich anrief, um mir zu sagen, daß meine Ratgeberinnen berufen worden waren. Er sagte: „Sie sollten nicht allein sein." Und dem fügte er rasch hinzu: „Sie sind nicht allein."

Ich habe ein Zeugnis von diesen Worten und von dem Trost, der darin liegt. Vor vier Jahren wurde ich plötzlich Witwe, und dann ging das jüngste meiner fünf Kinder auf Mission, und ich fühlte mich allein. Ich ging damals viel spazieren, und eines Tages sagte ich zu meiner Nachbarin, ich dächte viel über die Jugend nach. Sie antwortete: „Ach ja? Warum denn?" Ich kam zu dem Schluß, daß ich wohl versuchte, mir ins Gedächtnis zu rufen, wer ich vor meiner Ehe gewesen war. Ich sagte: „Wenn ich jemals wieder die Möglichkeit habe, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten, dann will ich viel geduldiger, viel behutsamer, viel liebevoller sein." Und später fügte ich dem hinzu: „Ich will alles tun, was ich kann, um die jungen Leute dazu anzuspornen, daß sie sich auf die Zukunft vorbereiten."

Während wir erwachsen werden, haben wir manchmal das Gefühl, daß wir allein sind oder abseits stehen. Veränderungen sind Zeiten, in denen wir erwachsen werden: ein Umzug, ein Schulwechsel, eine Mission, wenn wir ein Baby bekommen, wenn das Baby auf Mission geht, eine schwere Krankheit, der Verlust eines Menschen, den wir lieben. Ich glaube, es gibt manches, was uns in einer solchen Zeit, in der wir erwachsen werden, hilft, damit wir uns nicht so allein fühlen. Nehmt euch mehr Zeit, mit dem himmlischen Vater zu sprechen und in den heiligen Schriften zu lesen. Hört auf die sanfte, leise Stimme. Um es mit den Worten eines Mädchens im Bienenkorbalter zu sagen: „Zuerst hatte ich nie ein gutes Gefühl, wenn ich gebetet und in den Schriften gelesen habe. Aber nachdem ich zwei Monate lang gebetet und in den Schriften gelesen hatte, fühlte ich mich sehr glücklich. Ich hatte meine Familie lieb und wollte gern zu allen Menschen nett sein."

Als der Prophet Enos auf die Worte des Herrn hörte, war er um das Wohlergehen seiner Mitmenschen besorgt (siehe Enos 1:9). Wenn wir anfangen, an andere zu denken, fühlen wir uns nicht mehr so allein.

Noch etwas, was uns hilft, ist ein Unterstützungssystem, das wir uns schaffen. So wie eine Präsidentin Ratgeberinnen braucht, so brauchen wir alle unsere Familie und unsere Freunde, denen wir wichtig sind. Ein Vater sagte zu seiner Tochter: „Es gibt jemanden, dem du wichtig bist. Das sind vielleicht nicht immer die Menschen, von denen du dir das wünschst, aber es gibt immer jemanden, der da ist und dem du wichtig bist. Du weißt wahrscheinlich auch schon, um wen es sich handelt, weil das die Menschen sind, auf die du immer zählen konntest. Daran wird sich nichts ändern." (Joseph Walker, „Value Speak", Chicago Tribüne, 3. Juni 1991.) Wir brauchen Menschen, | denen wir wichtig sind. „Deine Freunde stehen doch zu dir, und sie werden dich wieder willkommen heißen, mit warmem Herzen und freundlicher Hand." (LuB 121:9.)

Erwachsen wird man nicht ohne Mühe. Vor kurzem kam meine jüngste Tochter nach Hause und erzählte, ihr Bischof habe sie als Sonntagsschullehrerin berufen. Sie sagte: „Ich fühle mich gar nicht wie eine Sonntagsschullehrerin." Ich habe ihr geantwortet: „Noch bist du keine, Mary, aber du wirst eine." Zum Erwachsenwerden gehört, daß wir unsere Möglichkeiten ausschöpfen. Der himmlische Vater zählt auf jeden von uns. Unser Selbstbewußtsein wächst stetig und in dem Maß, wie wir uns anstrengen und Erfahrungen sammeln.

Manchmal begehen wir den Fehler, uns allein zu fühlen, bloß weil wir keine Anerkennung erhalten. Nur ein kleiner Teil dessen, was wir tun, findet sozusagen in der Öffentlichkeit statt. Alles andere sind kleine und oft unsichtbare Taten. Wenn man die kleinen Taten allerdings zusammenrechnet, sind sie tausendmal größer als diejenigen, die öffentliche Anerkennung erfahren. Albert Schweitzer hat einmal gesagt, wenn man die öffentlichen Taten mit den kleinen Taten vergleiche, die im stillen geschehen, dann seien sie wie der Schaum auf den Wellen des tiefen Ozeans. Es ist gut, wenn wir das beim Erwachsenwerden nicht vergessen.

Jedem Mädchen in der Kirche, das gerade erwachsen wird, sage ich: Du bist nicht allein. Ihr sollt wissen, daß ich euch sehr liebhabe. Habt ihr eine Ahnung, wie viel eure Eltern und Führerinnen an euch denken, über euch sprechen,, für, euch beten und wie sehr sie euch lieb haben? Lernt zu arbeiten und eure Fähigkeiten zu entfalten. Denkt daran, was eure Mitmenschen brauchen, und dient ihnen liebevoll. Unterstützt einander und tretet für Wahrheit und Rechtschaffenheit ein. Der himmlische Vater hat euch lieb. Er weiß, was euch zu schaffen macht. Er weiß, daß ihr euch vorbereitet habt, ehe ihr in dieser Zeit zur Erde gekommen seid. Ich glaube an die Worte unseres Propheten, der gesagt hat: „Ihr seid zu einem heiligen und herrlichen Zweck in dieser Zeit zur Welt gekommen." (Ezra Taft Benson, „To the Young Women of the Church", Allgemeine Frauenversammlung, 28. September 1986.)

Und jedem erwachsenen Mitglied der Kirche möchte ich sagen: lernen Sie die Namen der Jugendlichen in Ihrer Gemeinde oder in Ihrem Zweig, und sprechen Sie sie mit ihrem Namen an. Ermutigen Sie sie bei ihren Projekten. Erkennen Sie das Gute an, das sie tun. Sie brauchen unsere Unterstützung, und wir brauchen ihre. Das Schwerste am Erwachsenwerden ist, daß man nie fertig wird. Aber wir sind nicht allein. Davon gebe ich Zeugnis, und ich bin dankbar für diese Erkenntnis. Im Namen Jesu Christi. Amen.