1990–1999
Räumen Sie in Ihrem Leben auf
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Räumen Sie in Ihrem Leben auf

„Wenn in unserem Leben Durcheinander herrscht, heißt das, wir haben es nicht mehr im Griff. Es heißt, daß die Dinge, mit denen wir uns umgeben haben, … uns im Griff haben."

Durch die Aufgabe, die wir derzeit haben, wohnen meine Frau und ich sehr weit von unseren Kindern entfernt. Das bringt einen regen Briefwechsel mit sich. Ich möchte aus einem Brief, den uns eine unserer Töchter vor kurzem geschickt hat, etwas vorlesen:

„Ich bin Krankenschwester geworden. Vier der sechs Kinder haben Grippe. Statt Psychiaterin bin ich jetzt nur noch Krankenschwester. Außerdem ist in dieser Familie sowieso niemand krank im Kopf, wir sind einfach krank. Ich finde es schrecklich, wenn die Kinder krank sind." Und dann in Großbuchstaben: „ICH WILL MEIN LEBEN WIEDERHABEN!"

Als wir den Brief lasen, lächelten wir uns wissend an. Alle unsere Kinder sind sehr beschäftigt. Sie leben sozusagen, wie sie es nennen, auf der „Überholspur". Aber diese letzten Worte, „ICH WILL MEIN LEBEN WIEDERHABEN", sind mir nicht mehr aus dem Sinn gegangen, und je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto weniger haben sie mich losgelassen. Deshalb möchte ich heute darüber sprechen, wie wir in unserem Leben aufräumen und uns wieder dem Grundsätzlichen zuwenden können.

Es gibt die Geschichte von dem Jungen, der von der Schule nach Hause kam und sah, wie sein Vater in der offenen Tür stand und ins Haus schaute, in dem ein großes Durcheinander herrschte. „Ist Mama da?" fragte der Junge. Sein Vater antwortete: „Ich kann sie nicht sehen, aber sie muß irgendwo da drinnen sein. Ich höre sie nämlich schluchzen."

Das wäre lustig, wenn es nicht so häufig vorkäme. Ich glaube, ein Leben, in dem Durcheinander herrscht, kann viel Kummer und Leid verursachen und mit viel Schluchzen verbunden sein. Ich glaube auch, daß es auf der sogenannten „Überholspur" sehr viele Leute gibt, die ihr Leben wiederhaben wollen.

Wenn in unserem Leben Durcheinander herrscht, heißt das, wir haben es nicht mehr im Griff. Es heißt, daß die Dinge, mit denen wir uns umgeben haben und mit denen wir unsere Zeit zubringen, uns im Griff haben und uns unglücklich machen und unseren ewigen Fortschritt hemmen.

Unser Leben kann durch alles mögliche durcheinandergeraten. Manchmal ist das etwas ganz Offensichtliches, wie zum Beispiel materielle Dinge - die Sachen, die wir sammeln. Ich wünschte wirklich, ich könnte Ihnen beibringen, wie man in bezug auf materielle Dinge Prioritäten setzt, wie man sie sortiert und loswird und den Rest ordnet, aber dazu bin ich nicht geeignet.

Als ich das letzte Mal an einem solchen Projekt gearbeitet habe, habe ich neun Stunden lang Sachen hin- und hergeräumt, sie von einer Schachtel in die andere gelegt und etwas hier und etwas da gestapelt. Als ich fertig war, war ich unheimlich stolz auf mich selbst. Dann wurde mir klar, daß ich nichts anderes getan hatte, als alles von einer Stelle an eine andere zu räumen.

Meine Frau meint, ich folgte einer unbewußten Regel, die besagt, daß ich etwas wenigstens hundertmal hin- und herräumen muß, ehe ich es weggeben kann. Wenn Sie also dabei Hilfe brauchen, gibt es bessere Experten als mich.

Aber ich weiß sehr gut, daß wir uns so sehr mit materiellen Dingen umgeben können, daß wir gar keine Zeit mehr für geistige Belange haben. Schauen Sie sich um, dann sehen Sie all den Schnickschnack und die Spielsachen und die Sachen, die Spaß machen und die uns dazu bringen, daß wir unser Geld verschwenden und uns mit Herumspielen verzetteln.

Anderes, was unser Leben durcheinanderbringt und unsere Zeit in Anspruch nimmt, ist nicht so offensichtlich wie die materiellen Dinge. Es ist subtiler und belegt uns nur heimlich, still und leise mit Beschlag.

Immer wenn ich an etwas Subtiles, irgendwie Verborgenes denke, etwas, wovon wir wissen, daß es existiert, wenn wir uns die Zeit nehmen, darüber nachzudenken, von dem wir aber zunächst nicht annehmen, daß es unser Leben durcheinanderbringt und negativ beeinflußt - immer wenn ich an etwas Subtiles dieser Art denke, dann weiß ich, daß da der Satan die Hand im Spiel hat.

Nichts gefällt dem Teufel besser, als wenn er unser stiller Teilhaber werden kann. Er weiß, daß wir unsere Entscheidungsfreiheit haben, daß wir also selbständig entscheiden können. Er weiß auch, daß wir im Erdenleben der Zeit unterworfen sind. Wenn er auf seine subtile Weise unser stiller Teilhaber werden kann, dann kann er uns dahingehend beeinflussen, daß wir die falschen Entscheidungen treffen und unsere Zeit unklug nutzen, und uns daran hindern, das zu tun, was wir eigentlich tun sollen.

Wir geben unser Leben an das hin, womit wir unsere Zeit verbringen. Wie ich gesagt habe, sind wir hier auf der Erde der Zeit unterworfen. Wir haben auch unsere Entscheidungsfreiheit und können mit unserer Zeit tun, was wir wollen. Ich möchte es noch einmal sagen: Wir geben unser Leben an das hin, womit wir unsere Zeit verbringen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich ist, in unserem Leben aufzuräumen, wenn wir ganz oben anfangen und meinen, wir müßten bloß alles etwas sortieren und besser organisieren. Es ist ganz nett, wenn man alles besser organisiert, aber das reicht nicht aus. Man muß auch so manches ausrangieren. Man muß sich richtiggehend davon befreien.

Dazu brauchen wir eine Liste mit dem Wesentlichen, mit dem, was für unser irdisches Wohlergehen und Glücklichsein und unsere Errettung in Ewigkeit unerläßlich ist. Diese Liste muß am Evangeliumsplan ausgerichtet sein und die Punkte enthalten, die unserer Heiligung und Vervollkommnung dienen. Sie muß inspiriert sein, und wir müssen gebeterfüllt zwischen dem unterscheiden, was wir wirklich brauchen und was wir uns bloß wünschen. Wir müssen nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden, was wichtig und was bloß interessant ist. Es darf nicht darum gehen, daß wir uns bemühen, auf der Überholspur zu bleiben. Wir müssen alles, womit wir unsere Zeit verbringen, genau betrachten: Arbeit, Ambitionen, Umgang, Gewohnheiten, die unser Handeln beeinflussen. Wenn wir solche Betrachtungen anstellen, wird uns auch eher klar, womit wir unsere Zeit eigentlich verbringen sollten.

Ganz oben auf unserer Liste mit den wesentlichen Punkten muß gewiß die Familie stehen. Nur die Gottes Verehrung ist noch wichtiger. Das zeitliche und geistige Wohlergehen unserer Familie ist lebenswichtig, also müssen wir arbeiten, um für sie zu sorgen. Und wir müssen hart arbeiten. Natürlich muß es auch Dinge geben, die uns Spaß machen, aber sie dürfen nicht wichtiger sein als die gemeinsame Anstrengung aller Familienmitglieder, für ihre geistigen und zeitlichen Bedürfnisse zu sorgen. Gott hat uns geboten, zu arbeiten. Arbeit ist die Grundlage dafür, daß wir und unsere Familie glücklich sind, sie ist das Rückgrat der Kirche und der Gesellschaft.

Eine Mutter darf sich niemals so sehr mit Nebensächlichkeiten abgeben, daß sie ihre gottgegebene Aufgabe vernachlässigt. Ein Vater darf sich durch keine Tätigkeit, so interessant oder wichtig sie ihm auch erscheinen mag, davon abhalten lassen, sich voll und ganz jedem einzelnen Mitglied der Familie zu widmen.

Den Titel Mutter beziehungsweise Vater tragen wir auch nach diesem Leben noch. Alles, was wir erwerben, jeder weltliche Titel, den wir erhalten, wird vergehen. Jetzt aber kann das alles unser Leben durcheinanderbringen und uns den Weg in die Ewigkeit versperren.

Der junge Mensch muß lernen, daß all das, was so spannend ist und solchen Spaß macht, sich nicht lohnt, wenn es ihn von dem Weg abbringt, auf dem er zum himmlischen Vater zurückkommt.

Wir dürfen nicht vergessen, daß jemand, der nicht nach den Grundsätzen des Evangeliums Jesu Christi lebt, nicht danach lebt, was auch immer der Grund dafür sein mag. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß eine gespaltene Familie eine gespaltene Familie ist, wodurch sie auch gespalten sein mag.

Wir müssen uns also ein paar ernsthafte, tiefgehende Fragen stellen. Eine lautet sicherlich: Habe ich Zeit zum Beten? Ich meine nicht das gelegentliche, rasche Gebet, das sich ständig wiederholt, womit man sozusagen dem Vater im Himmel flüchtig zuwinkt, während man auf dem Weg zu etwas Wichtigerem an ihm vorbeieilt. Ich meine aufrichtiges Beten, aus tiefstem Herzen und mit zerknirschtem Geist, demütiges Niederknien, das dem himmlischen Vater zeigt, daß man ihn wirklich liebhat, das Beten im Stillen, das zur Umkehr dazugehört, das Flehen um Vergebung, wobei man sich die Zeit nimmt, auch nachzusinnen und auf die Antwort zu warten.

Die nächste Frage auf der Liste mit den grundsätzlichen Punkten lautet wohl: Studiere ich die heilige Schrift? Wenn Sie das tun, dann wissen Sie, daß Lehi eine eiserne Stange gesehen hat, die das Wort Gottes darstellte (siehe l Nephi 11:1-23). Diejenigen, die sich an der Stange festhielten und sich immer von ihr führen ließen, kamen sicher durch den finsteren Nebel und gelangten zum Baum des Lebens und aßen von der herrlichen Frucht (siehe l Nephi 8:19,30).

Noch einmal frage ich: Studieren Sie die Schrift? Ich bezeuge feierlich, daß die heilige Schrift das Wort Gottes ist. Wer sie beständig studiert, hält sich an der eisernen Stange fest. Sie führt uns zum Baum des Lebens. Wenn Sie zu denen gehören, die sagen: „Ich will mein Leben wiederhaben", dann ermahne ich Sie: gehen Sie zum Baum des Lebens, dort finden Sie die reine Liebe Gottes.

Wenn Sie in Ihrem Leben aufgeräumt haben, sind Sie nicht mehr so sehr mit terrestrialen Dingen beschäftigt, daß Sie für die celestialen Dinge keine Zeit mehr haben. Gottes Plan ist einfach. Dazu gehört, daß man einfachen Gesetzen gehorcht, Gesetzen, die automatisch Segnungen und Glücklichsein nach sich ziehen, wenn man sie befolgt, und die automatisch Strafe und Unglücklichsein nach sich ziehen, wenn man sie nicht befolgt.

Ich bitte Sie inständig, räumen Sie das Durcheinander auf. Holen Sie sich Ihr Leben zurück. Seien Sie willensstark. Lernen Sie, zu dem, was Ihnen Ihre kostbare Zeit stiehlt und die Freiheit, sich für ein Leben nach Gottes Plan für Glücklichsein und Erhöhung zu entscheiden, beeinträchtigt, nein zu sagen.

Lassen Sie nicht zu, daß der subtile Einfluß des Satans Ihnen irgendeinen Bereich Ihres Lebens raubt. Behalten Sie Ihr Leben selbst im Griff, und zwar durch Ihre Entscheidungsfreiheit. Das Leben ist eine Bewährungszeit. Es ist ein kostbares Geschenk, nämlich eine Zeit, in der wir lernen können, wie der himmlische Vater zu werden, indem wir die Lehren seines Sohnes Jesus Christus befolgen. Auf dem Weg, den er uns führt, herrscht kein Durcheinander. Er ist einfach und gerade und vom Geist erleuchtet.

Ich bete von Herzen darum, daß wir uns durch unsere Entscheidungen die Entscheidungsfreiheit bewahren und vom Satan fernhalten und ein helles und strahlendes Leben führen - auf dem Weg, der uns in die Gegenwart des himmlischen Vaters zurückführt.

Im Namen Jesu Christi. Amen.