1990–1999
Lernen, tun, sein
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Lernen, tun, sein

„Dieses Werk ist nicht nur Ihres oder meines. Es ist das Werk des Herrn, und wenn wir im Auftrag des Herrn arbeiten, haben wir Anspruch auf die Hilfe des Herrn."

Fürwahr, ein königliches Priestertum ist heute Abend hier versammelt! Das Tabernakel auf dem Tempelplatz hat keinen freien Platz, die Assembly Hall ist voll besetzt, wie es auch die Kapellen in vielen Ländern der Erde sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das die größte Versammlung von Priestertumsträgern, die es je gegeben hat. Brüder, Ihre Hingabe an ihre heilige Berufung ist begeisternd. Man sieht deutlich, wie Sie bemüht sind zu lernen, was Ihnen obliegt. Und weil Ihre Seele rein ist, kommt der Himmel näher zu Ihnen und Ihrer Familie.

Wir leben in einer wirtschaftlich schweren Zeit. Die Kürzungen in der Industrie, Entlassungen großen Umfangs und als Folge davon die labile Situation der Familien sind zu einer ernsten Herausforderung geworden. Wir müssen dafür sorgen, daß alle, für die wir mitverantwortlich sind, nicht zu hungern brauchen, genug zum Anziehen und ausreichend Unterkunft haben. Wenn wir als das Priestertum dieser Kirche in Einigkeit zusammenarbeiten, um mit diesen beunruhigenden Zuständen fertig zu werden, sind Wunder nicht mehr weit.

Wir fordern alle Heiligen der Letzten Tage auf, wohlüberlegt zu planen, ein maßvolles Leben zu führen und alle übertriebenen oder unnötigen Schulden zu vermeiden. Die Finanzen der Kirche werden auf diese Weise gehandhabt, denn es ist uns bewußt, daß der von Ihnen gezahlte Zehnte und die anderen Spenden nicht ohne Opfer aufgebracht werden und heilige Gelder sind.

Laßt uns aus unserem jeweiligen Zuhause einen Ort der Rechtschaffenheit machen, einen Ort des Betens, eine Wohnstätte der Liebe, so daß wir die Segnungen verdienen, die nur von unserem himmlischen Vater kommen können. Tag für Tag brauchen wir seine Führung.

In unserer riesigen Zusammenkunft zeigt sich die Macht des Priestertums und die Möglichkeit, hinzugehen und das herrliche Evangelium mit anderen Menschen zu teilen. Wir haben die Hände, die notwendig sind, um andere aus ihrer Selbstgefälligkeit und Untätigkeit herauszuheben. Wir haben das Herz, das notwendig ist, um in unserer Priestertumsberufung getreulich zu dienen und dadurch andere dazu zu bringen, daß sie einen höheren Weg nehmen und den Sündensumpf meiden, der so viele zu verschlingen droht. Wahrlich, die Seelen haben großen Wert in den Augen Gottes. Es ist unser großer Vorzug, daß wir, ausgerüstet mit diesem Wissen, im Leben anderer Menschen etwas verändern können. Was im Buch Ezechiel gesagt wird, könnte leicht auf uns alle zutreffen, die wir dem Erretter in dieser heiligen Arbeit nachfolgen:

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. … Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, daß ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt. Dann werdet ihr in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gab. Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein." (Ezechiel 36:26-28.)

Wie können wir uns diese Verheißung verdienen? Wodurch werden wir tauglich, diese Segnung zu empfangen? Gibt es einen Führer, dem wir folgen können? Ich möchte Ihnen drei Weisungen vorlegen, an die wir uns halten können. Sie eignen sich ebenso für den Diakon wie für den Hohen Priester. Sie sind alle in unserer Reichweite. Der gütige Vater im Himmel wird uns dabei helfen.

Erstens: Lernen,was wir lernen müssen!

Zweitens: Tun, was wir tun müssen!

Drittens: Sein, was wir sein müssen!

Wir wollen diese Zielsetzung etwas ausführlicher besprechen, damit wir in den Augen des Herrn nützliche Diener sein können.

1. Lernen, was wir lernen müssen. Der Apostel Paulus legte besonderen Nachdruck darauf, daß wir uns bemühen sollen zu lernen. Er sagte zu den Philippern: „Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus schenkt." (Phüipper 3:13,14.) Und den Hebräern riet er dringend: „Laßt uns die … Sünde abwerfen. Laßt uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens." (Hebräer 12:1,2.)

Eider Stephen L Richards sprach oft zu den Priestertumsträgern und legte ihnen seine diesbezügliche Denkweise vor: „Priestertum wird gewöhnlich ganz einfach definiert, nämlich als, dem Menschen verliehene Vollmacht Gottes'. Diese Definition ist meiner Meinung nach richtig. Aber aus praktischen Überlegungen heraus definiere ich das Priestertum lieber im Sinne von Dienst und bezeichne es daher oft als, den vollkommenen Plan des Dienens'. Ich tue das deswegen, weil die Männer, denen diese göttliche Macht übertragen ist, nur durch deren Anwendung jemals die volle Bedeutung und Lebenskraft dieser Gabe zu begreifen vermögen. Es handelt sich ja um ein Werkzeug des Dienens …, und wer es nicht gebraucht, wird es wohl verlieren; denn durch Offenbarung ist uns deutlich gemacht, daß derjenige, der es vernachläßigt,, nicht würdig erachtet werden wird zu stehen'.

Das Priestertum ist nicht etwas Starres, Ruhendes, … und wenn jemand ordiniert worden ist, so ist das keine statische Amtseinsetzung. Vielleicht gibt es welche, die es so betrachten, denn sie sind ja selbstgefällig und offensichtlich mit ihrer Ordinierung sehr zufrieden.

Ich kann mir gut vorstellen, daß so jemand vor den ewigen Richter gebracht wird und dem Sinn nach sagt:, Auf Erden war ich ein Hoher Priester. Ich bin gekommen, um den Lohn eines Hohen Priesters zu beanspruchen.' Es läßt sich unschwer vorstellen, wie die Antwort ausfallen wird. Wahrscheinlich werden ihm Fragen wie diese vorgehalten werden:, Was hast du getan, als du Hoher Priester warst? Wie hast du die große Macht angewandt, die du innegehabt hast? Wen hast du damit gesegnet?' Der Lohn, den er schließlich erhält, wird auf seine Antworten

abgestimmt sein." (Generalkonferenz, April 1937.)

Im Februar 1914 verkündete die Erste Präsidentschaft, nämlich Joseph F. Smith, Anthon H. Lund und Charles W. Penrose: „Das Priestertum wird dem Menschen nicht als Ehre oder als Beförderung verliehen, sondern damit diejenigen, denen dies als heiliger Auftrag erteilt ist, für alle arbeiten können, denen zu dienen sie berufen sind.

Die gottgegebene Ehre und über das menschliche Maß hinausgehende Auszeichnung, die mit den einzelnen Ämtern und Ordnungen des heiligen Priestertums einhergeht, darf nicht wie ein von Menschen stammender Titel gebraucht oder angesehen werden; es geht hier nicht um eine Zierde, auch nicht um den Ausdruck von Herrschaft, sondern vielmehr um die Bestellung zu demütigem Dienst im Werk des einen Meisters, zu dessen Dienst wir uns bekennen." (James R. Clark, Hg., Messages of the First Presidency of The Church of Jesus Christ of Latterday Saints, 6 Bände, Salt Lake City, 1965-1975, 4:304.)

Präsident Lee, einer der großen Lehrer in der Kirche, legte seinen Rat in leicht verständlichen Worten dar: „Sehen Sie, wenn jemand Träger des Priestertums wird, so wird er zum Bevollmächtigten des Herrn. Er soll seine Berufung so betrachten, als handle er im Auftrag des Herrn." (Stand Ye in Holy Places, Salt Lake City, Deseret Book Co., 1974, Seite 255.)

Einige von Ihnen sind nun vielleicht von Natur aus scheu oder halten sich für ungeeignet, auf eine Berufung bejahend zu reagieren. Aber denken Sie daran: Dieses Werk ist nicht nur Ihres oder meines. Es ist das Werk des Herrn, und wenn wir im Auftrag des Herrn arbeiten, haben wir Anspruch auf die Hilfe des Herrn. Denken Sie daran, daß der Herr die Schultern formt, so daß sie die Last tragen können, die ihnen auferlegt wird.

Der formelle Unterricht in der Klasse schüchtert einen bisweilen ein wenig ein, aber die wirksamste Belehrung findet manchmal anderswo als in der Kapelle oder in der Klasse statt. Ich kann mich gut an etwas erinnern: Es war vor einigen Jahren, auch im Frühling, da freuten sich die Träger des Aaronischen Priestertums schon auf den jährlichen Ausflug zur Feier der Wiederherstellung eben dieses Priestertums. In Bussen fuhren die jungen Männer unseres Pfahles hundertfünfzig Kilometer nach Norden, zum Friedhof in Clarkston, wo wir das Grab von Martin Harris besichtigten, einem der drei Zeugen des Buches Mormon. Als wir rings um den schönen granitenen Grabstein standen, sprach Elder Glen L. Rudd, der damals Hoher Rat war, über das Leben von Martin Harris, las sein Zeugnis aus dem Buch Mormon vor und gab schließlich selbst

Zeugnis von der Wahrheit. Die jungen Männer hörten gespannt zu, berührten den Granit mit den Händen und dachten über das Gehörte und über ihre Gefühle nach.

In einem Park in Logan nahmen wir das Mittagessen ein. Dann legten sich die jungen Männer auf dem Rasen des Tempels nieder und betrachteten die hohen Türme. Wunderschöne weiße Wolken eilten an den Türmen vorüber, getrieben von einer sanften Brise. Die jungen Männer wurden über den Zweck des Tempels belehrt. Bündnis und Verheißung waren nicht mehr nur bloße Wörter. In den jungen Herzen keimte der Wunsch, würdig zu sein, um einmal durch die Tempeltür gehen zu können. Der Himmel war an dem Tag sehr nahe. Zu lernen, was wir lernen müssen - das war sichergestellt.

2. Tun, was wir tun müssen. In einer Offenbarung über das Priestertum, die durch den Propheten Joseph Smith erging und die im Abschnitt 107 in, Lehre und Bündnisse' niedergeschrieben ist, soll das Wort „lernen" durch „tun" ersetzt werden, wenn wir lesen: „Darum laßt einen lernen, was ihm obliegt, und laßt ihn mit allem Eifer das Amt ausüben, zu dem er bestimmt worden ist." (Vers 99.)

Jeder Priestertumsträger, der heute in dieser Versammlung anwesend ist, ist berufen, zu dienen und in dieser ihm aufgetragenen Arbeit sein Bestes zu tun. Im Werk des Herrn gibt es keinen niedrigen Dienst, denn jeder dieser Dienste wirkt sich in der Ewigkeit aus. Präsident John Taylor warnt: „Wenn ihr eure Berufung nicht groß macht, wird der Herr euch für diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die ihr gerettet haben könntet, wenn ihr eure Pflicht getan hättet. Und wer kann es sich leisten, die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß das ewige Leben für jemanden hinausgeschoben wird? Wenn große Freude der Lohn dafür ist, daß man eine Seele errettet hat, wie schrecklich muß dann die Reue derjenigen sein, deren unzulängliche Bemühungen der Grund dafür waren, daß ein Kind Gottes nicht gewarnt und ihm nicht geholfen worden ist, so daß es nun warten muß, bis ein zuverlässigerer Diener Gottes vorbeikommt!"

Der alte Spruch stimmt noch immer: „Tu deine Pflicht, und tu sie gern, das Weitre überlaß dem Herrn."

Der meiste Dienst, den Priestertumsträger leisten, geschieht still und ohne viel Aufhebens. Ein freundliches Lächeln, ein herzlicher Händedruck, ein aufrichtiges Zeugnis von der Wahrheit - das kann ein Leben verschönern, eine menschliche Natur verändern und kostbare Seelen erretten.

Ein Beipiel für solch einen Dienst war die Erfahrung, die Juliusz und Dorothy Fussek machten, als sie für zwei Jahre als Missionare nach Polen berufen wurden. Bruder Fussek war gebürtiger Pole, er kannte die Sprache, er liebte die Leute. Seine Frau stammte aus England und wußte wenig von Polen und seiner Bevölkerung.

Voll Vertrauen auf den Herrn machten sie sich ans Werk. Die Lebensumstände waren primitiv, die Arbeit war einsam, die Aufgabe ungeheuer. Zu der Zeit gab es in Polen noch keine Mission. Die Fusseks hatten den Auftrag, den Weg zu bahnen, so daß eine Mission eingerichtet werden konnte, so daß andere Missionare berufen werden konnten, so daß Menschen belehrt, Bekehrte getauft, Zweige gegründet und Kirchengebäude errichtet werden konnten.

Verzweifelten Bruder und Schwester Fussek etwa angesichts der Größe ihres Auftrags? Keinen Augenblick. Sie wußten, daß ihre Berufung von Gott kam, sie beteten um seine Hilfe, und sie machten sich mit ganzem Herzen an die Arbeit. Sie blieben nicht zwei Jahre in Polen, sondern fünf. Alle aufgezählten Ziele wurden erreicht.

Begleitet von Bruder Fussek, kamen Elder Russell M. Nelson. Elder Hans B. Ringger und ich mit Minister Adam Wopatka von der polnischen Regierung zusammen und hörten ihn sagen: „Ihre Kirche ist hier willkommen. Sie können Ihre Gebäude errichten, Sie können Ihre Missionare herschicken. Sie sind in Polen willkommen. Dieser Mann" und dabei deutete er auf Juliusz Fussek -„hat Ihrer Kirche gut gedient. Sie können ihm für seine Vorbildlichkeit und Arbeit dankbar sein."

Machen wir es wie die Fusseks: Tun wir, was wir im Werk des Herrn tun müssen! Dann können wir mit Juliusz und Dorothy sagen, wie es im Psalm heißt: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. … Er, der dich behütet, schläft nicht. Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht." (Psalm 121:2-4.)

3. Sein, was wir sein müssen. Paulus riet seinem lieben Freund und Gefährten Timotheus: „Sei den Gläubigen ein Vorbild in deinen Worten, in deinem Lebenswandel, in der Liebe, im Glauben, in der Lauterkeit." (!Timotheus4:12.)

Präsident Benson rät uns dringend, über unseren Auftrag zu beten und um göttliche Hilfe nachzusuchen, damit wir Erfolg haben. Er hält sich ja in allem, was er unternimmt, selbst an diesen Rat. Das Beten ist das typische Kennzeichen in Ezra Taft Bensons Führungsarbeit. „Wenn der Mensch eine höhere Macht als sich selbst anerkennt, so erniedrigt ihn das in keiner Weise. Er muß suchen, glauben, beten und hoffen, daß er findet. Eine solche aufrichtige, gebeterfüllte Bemühung bleibt nicht unbeantwortet - das ist das Wesen der Glaubensphilosophie. Göttliche Gnade wird denen zuteil, die sie demütig erstreben."

Aus dem Buch Mormon kommt der Rat, der alles sagt. Es spricht der Herr: „Was für Männer sollt ihr sein? Wahrlich, ich sage euch: So, wie ich bin." (3 Nephi 27:27.)

Und was für ein Mann war er? Was für ein Beispiel hat er uns mit seinem Dienst gesetzt? Aus dem 10. Kapitel Johannes erfahren wir:

„Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.

Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, läßt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und treibt sie auseinander.

Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.

Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; ich gebe mein Leben hin für die Schafe. "(Vers 11-15.)

Lernen, was wir lernen müssen. Tun, was wir tun müssen. Sein, was wir sein müssen. Dann wird uns der Segen des Himmels begleiten. Dann werden wir wissen, daß wir in unserem Dienst nicht allein sind. Er, der es bemerkt, wenn ein Spatz zu Boden fällt, wird - auf seine Weise - unseren Dienst belohnen.

Ich möchte Ihnen, Brüder, ein ergreifendes Erlebnis mitteilen, das diese Gewißheit veranschaulicht.

Bruder Edwin Q. Cannon war 1938 als Missionar in Deutschland; er liebte die Menschen dort und diente treu. Nach Beendigung seiner Mission kehrte er nach Salt Lake City zurück, heiratete und eröffnete ein eigenes Geschäft.

Vierzig Jahre vergingen. Eines Tages kam Bruder Cannon in mein Büro und sagte, er habe die Dias von seiner Mission durchgesehen und Überflüssige aussortiert. Darunter gab es einige Dias, die er nicht mehr genau orten konnte. Immer wenn er sie wegwerfen wollte, hatte er das Gefühl, er solle sie noch aufheben; er wußte aber nicht, warum. Es waren Bilder, die er während seiner Mission in Stettin aufgenommen hatte, und sie zeigten eine Familie: Vater, Mutter, ein kleines Mädchen, einen kleinen Jungen. Bruder Cannon wußte noch den Familiennamen Berndt, sonst aber nichts von ihnen. Er sagte mir, er habe von einem Berndt erfahren, der Regionalrepräsentant in Deutschland sei, und dachte, daß dieser vielleicht in irgendeiner Verbindung zu den Berndts stehen könnte, die in Stettin gewohnt hatten und die auf dem Bild zu sehen waren. Bruder Cannon wollte das bei mir nachprüfen, ehe er die Dias wegwarf.

Ich sagte ihm, ich käme bald nach Berlin, wo ich Dieter Berndt, den Regionalrepräsentanten treffen würde. Ich wollte ihm die Dias zeigen und herausfinden, ob es irgendeine Beziehung zu ihm gebe und ob er die Bilder haben wolle. Es war auch möglich, daß ich Bruder Berndts Schwester treffen konnte, die mit Dietmar Matern, dem Pfahlpräsidenten in Hamburg, verheiratet war.

Der Herr ließ mich nicht einmal bis Berlin kommen, um seine Absichten zu erfüllen. Ich bestieg in Zürich das Flugzeug, das mich nach Berlin bringen sollte, und wer war ebenfalls an Bord? Dieter Berndt. Er saß neben mir, und ich erzählte ihm von den alten Dias, die eine Familie namens Berndt in Stettin zeigten. Ich gab sie ihm und fragte, ob er die Leute auf dem Bild identifizieren könne. Als er sie eingehend betrachtete, fing er zu weinen an. Er sagte: „Unsere Familie war während des Krieges in Stettin. Mein Vater kam ums Leben, als eine Bombe der Alliierten in der Fabrik einschlug, wo er arbeitete. Bald darauf besetzten die Russen Polen und kamen auch nach Stettin. Meine Mutter floh mit meiner Schwester und mir vor dem anrückenden Feind. Wir mußten alles zurücklassen, auch alle Fotos. Bruder Monson, ich bin der kleine Junge auf dem Bild, und meine Schwester ist das kleine Mädchen. Der Mann und die Frau sind unsere lieben Eltern. Bis heute habe ich kein Foto von unserer Kindheit in Stettin oder unserem Vater gesehen."

Ich wischte mir die eigenen Tränen ab und sagte ihm, er könne die Dias behalten. Er legte sie sorgsam und liebevoll in seine Aktentasche.

Anläßlich der darauffolgenden Generalkonferenz kam auch Regionalrepräsentant Dieter Berndt nach Salt Lake City und besuchte Bruder und Schwester Cannon, um ihnen persönlich dafür zu danken, daß Bruder Cannon inspiriert worden war, diese kostbaren Dias aufzubewahren, und daß er dieser Inspiration nachgegeben und sie vierzig Jahre lang aufbewahrt hatte.

Von William Cowper stammen die Zeilen:

Gott geht oft wundersamen Weg, wenn er sein Werk vollbringt; er schreitet ruhig auf dem See, wenn er den Sturm bezwingt. …

Meßt nicht den Herrn nach Menschenmaß,

auf seine Gnade baut!

Denn hinter strengem Gotteswort

sein lächelnd Antlitz schaut.

Ich gebe Ihnen Zeugnis, daß das Werk, worin wir tätig sind, wahr ist. Der Herr ist am Steuer. Mögen wir ihm folgen; darum bete ich aufrichtig. Im Namen Jesu Christi. Amen.