1990–1999
Einen vortrefflicheren Weg
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Einen vortrefflicheren Weg

„Wir sind gefordert, unsere innersten Gefühle zu reinigen, unser Herz zu ändern und unser äußeres Verhalten und Erscheinungsbild dem anzupassen, was wir - wie wir behaupten - innerlich glauben und fühlen."

Jahrgang 1992 Frühjahr : Einen vortrefflicheren Weg

In einer wichtigen Rede an die Heiligen der Letzten Tage in Nauvoo sagte der Prophet Joseph Smith etwa ein Jahr vor seinem tragischen Märtyrertod: „Wenn wir Wert darauf legen, daß andere Menschen uns lieben, und wenn wir ihre Liebe gewinnen wollen, müssen wir die anderen Menschen lieben, sogar die Feinde, nicht nur die Freunde. … Die Christen sollen aufhören, miteinander zu zanken und zu streiten; sie sollen vielmehr untereinander Einigkeit und Freundschaft pflegen." (Lehren des Propheten Joseph Smith, Seite 319,320.)

Dieser Rat ist heute ebenso von Bedeutung wie vor 150 Jahren. Die Welt, in der wir leben, sei es zu Hause oder in der Ferne, braucht das Evangelium Jesu Christi. Nur durch das Evangelium wird die Welt je Frieden erfahren. Wir müssen miteinander gütiger und sanftmütiger umgehen und schneller vergeben. Wir müssen langmütiger und hilfsbereiter werden. Wir müssen die Hand der Freundschaft ausstrecken und die Hand der Vergeltung zurückhalten. Kurz gesagt: Wir müssen einander mit der reinen Christusliebe und mit unverfälschter Nächstenliebe lieben, mit Mitgefühl begegnen und gegebenenfalls miteinander leiden, denn auf diese Weise liebt Gott uns.

In unseren Versammlungen singen wir oft ein schönes Lied, zu dem Susan Evans McCloud den Text geschrieben hat. Ich möchte Ihnen gern ein paar Zeilen daraus vorlesen.

O mein Heiland, dich zu lieben,

dir zu folgen, wünsch' ich mir,

dich durch keine Sund' betrüben,

sondern treulich dienen dir.

Warum meinen Nächsten richten,

wenn ich selbst nicht ohne Fehl;

kann ich denn den Kummer sehen,

tief versteckt in seiner Seel?

Ich will meinem Nächsten dienen,

heilend, tröstend bei ihm sein;

wenn er mutlos wird und müde,

neue Hoffnung ihm verleihn.

Ich will meinen Nächsten lieben,

wahrhaft, so wie du mich liebst,

weiß ich doch, daß du zum Dienen

Kraft mir und Erleuchtung gibst.

Wir müssen den Weg, den Christus uns gewiesen hat, mit mehr Entschlossenheit und Nächstenliebe gehen. Wir müssen innehalten und unserem Nächsten tröstend beiseite stehen. Dann werden wir sicherlich über unser Vermögen hinaus Kraft erhalten. Wenn wir dem Beispiel Christi besser folgten, könnten wir viel öfter denen beistehen, die mutlos und müde sind, und sie mit mehr Güte behandeln. Herr, hilf, daß wir das schaffen.

Christus hat gesagt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! … Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt." (Johannes 13:34,35.) Diese Liebe, die wir für unsere Brüder und Schwestern der großen Menschheitsfamilie empfinden sollen, heißt Nächstenliebe oder „die reine Christusliebe" (siehe Moroni 7:47). Diese Liebe motivierte Christus, für unsere Sünden zu sühnen und sein Leben hinzugeben. Sie ist die höchste Stufe, die der Mensch erreichen

kann, und der innigste Ausdruck des Herzens.

Wir sind dankbar, daß die Frauenhilfsvereinigung, die in diesem Jahr ihr I5O jähriges Bestehen feiert, das Motto hat „Die Liebe hört niemals auf." Diese Liebe schließt alle anderen göttlichen Tugenden ein. Sie ist sowohl am Anfang als auch am Ende des Erlösungsplanes zu finden. Wenn auch alles andere aufhört, so hört doch die Liebe, die Christusliebe, niemals auf. Sie ist die größte aller göttlichen Eigenschaften.

Aus seiner übergroßen Liebe sprach Jesus zu den Armen, den Unterdrückten, den Witwen, den kleinen Kindern; er sprach zu Bauern und Fischern, zu denen, die die Ziegen und Schafe hüteten; zu Fremden ohne Bürgerrecht, er wandte sich an die Reichen, die politisch Mächtigen sowie an die unfreundlichen Pharisäer und Schriftgelehrten. Er diente den Armen, den Hungernden, den Besitzlosen und den Kranken. Er segnete die Lahmen, die Blinden, die Tauben und die, die sonst an körperlichen Gebrechen litten. Er trieb Dämone und böse Geister aus, die geistige oder seelische Krankheit verursachten. Er reinigte diejenigen, die unter der Last der Sünde litten. Er lehrte Liebe und diente immer wieder selbstlos den anderen. Alle haben seine Liebe empfangen. Alle genossen „diesen Vorzug, der eine wie der andere, und keinem (war) es verwehrt" (2 Nephi 26:28). All das ist der Ausdruck und das Beispiel seiner grenzenlosen Nächstenliebe.

Es würde der Welt, in der wir leben, großen Nutzen bringen, wenn Männer und Frauen auf der ganzen Welt die reine Christusliebe hätten, die gütig, sanftmütig und demütig ist. Sie ereifert sich nicht und bläht sich nicht auf. Sie ist selbstlos, denn sie sucht nicht ihren Vorteil. Sie billigt nicht Böswilligkeit, freut sich nicht an der Schlechtigkeit und läßt dem Fanatismus, dem Haß und der Gewalt keinen Raum. Sie entschuldigt nicht Spott, Rohheit, Mißbrauch oder Verachtung. Sie läßt Menschen unterschiedlicher Herkunft in christlicher Liebe zusammen leben, ungeachtet ihres Glaubens, ihrer Rasse, Staatsbürgerschaft, ihrer finanziellen Lage, ihres Bildungsstandes oder ihrer Kultur.

Der Erretter hat uns geboten, einander zu lieben, wie er uns geliebt hat, und uns mit der bindenden Kraft der Nächstenliebe zu bekleiden, wie er sich bekleidet hat (siehe LuB 88:125). Wir sind gefordert, unsere innersten Gefühle zu reinigen, unser Herz zu ändern und unser äußeres Verhalten und Erscheinungsbild dem anzupassen, was wir - wie wir behaupten - innerlich glauben und fühlen. Wir müssen wahre Jünger Christi sein.

Als Junge lernte Bruder Vern Crowley etwas ganz Wesentliches, etwas, was der Prophet Joseph Smith die Heiligen in Nauvoo lehrte, als er ihnen auftrug, „die anderen Menschen [zu] lieben, sogar die Feinde, nicht nur die Freunde". Diese Lektion gilt auch für jeden von uns. Als sein Vater krank wurde, übernahm Vern Crowley die Verantwortung für den Schrotthandel der Familie, obwohl er erst 15 Jahre alt war. Gelegentlich wurde der Junge von einem Kunden übervorteilt, über Nacht verschwanden auch manchmal Autoteile vom Platz. Vern war verärgert und schwor sich, den Dieb zu erwischen und ein Exempel zu statuieren. Er würde sich rächen.

Gerade als sein Vater sich langsam erholte, machte Vern nach Geschäftsschluß seine Runde. Es war fast dunkel. In einer entfernten Ecke des Platzes fiel ihm auf, daß jemand einen großen Maschinenteil zum hinteren Zaun schleppte. Er rannte wie ein 100-Meter-Läufer und erwischte einen jugendlichen Dieb. Er wollte seinem Ärger schon mit den Fäusten Luft machen, dann aber den Jungen zum Büro zerren und die Polizei rufen. Sein Herz war von Zorn und Rache erfüllt. Er hatte den Dieb gefangen und wollte nun seine Rache.

Plötzlich tauchte Verns Vater auf, legte seinem Sohn die schwache Hand auf die Schulter und sagte: „Ich sehe, du bist außer dir, Vern. Laß mich das machen." Dann ging er auf den ertappten Dieb zu, legte ihm den Arm um die Schulter und fragte: „Warum tust du das, mein Junge? Warum hast du versucht, das Getriebe zu stehlen?" Dann ging er mit seinem Arm um den Jungen auf das Büro zu und stellte ihm dabei Fragen über seine Schwierigkeiten mit dem Auto. Als sie beim Büro angekommen waren, sagte der Vater: „Ich glaube, deine Kupplung ist fällig. Darum hast du wohl den Ärger." Inzwischen schäumte Vern. „Was geht mich seine Kupplung an?" dachte er. „Holen wir die Polizei, dann haben wir das hinter uns." Aber sein Vater redete weiter: „Vern, hol ihm eine Kupplung und ein Ausdrücklager. Und bring auch gleich eine Druckplatte. Das müßte reichen." Der Vater gab dem jungen Mann die Teile und sagte: „Nimm das. Und da ist das Getriebe. Du brauchst dafür nicht zu stehlen. Bitte einfach darum. Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Die Leute helfen gern."

Bruder Vern Crowley sagte, damals habe er lebenslang etwas über Liebe gelernt. Der junge Mann kehrte noch oft zum Schrottplatz zurück. Von sich aus bezahlte er Monat für Monat alle Teile, die Verns Vater ihm gegeben hatte, auch das Getriebe. Dabei fragte er Vern, warum sein Vater sich so verhielt und das getan hatte. Vern erzählte ihm von ihrem Glauben als Heilige der Letzten Tage und wie sehr sein Vater Gott und die Menschen liebte. Schließlich ließ sich der junge Mann taufen. Vern sagte später: „Es fällt mir schwer zu schildern, was ich damals fühlte und durchmachte. Auch ich war jung. Ich hatte den Dieb gefangen, und ich wollte die schwerste Strafe für ihn. Aber mein Vater lehrte mich einen vortrefflicheren Weg."

Ein anderer Weg? Ein besserer Weg? Ein höherer Weg? Ein vortrefflicherer Weg? Wieviel die Welt doch daraus lernen könnte! Mormoni sagt: „Darum, wer an Gott glaubt, der darf mit Gewißheit auf eine bessere Welt hoffen. Indem Gott seinen Sohn gab, hat er einen vortrefflicheren Weg bereitet." (Ether 12:4,11.)

Präsident McKay hat einmal gesagt: „Der Friede Christi kommt nicht dadurch, daß man das Oberflächliche im Leben anstrebt; er kommt allein aus dem Herzen des Menschen. Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt:, Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch."' (Gospel Ideals, Seite 39.) In allen Bereichen des täglichen Lebens und in einer Welt, der so vieles fehlt, müssen wir so leben, daß wir eines Tages vom König der Könige hören können:

„Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen." (Matthäus 25:35,36.) Vielleicht können wir dann fragen: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben?

Wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben?

Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?" (Matthäus 25:37-39.)

Ich bin sicher, daß wir dann folgende Antwort hören werden: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Matthäus 25:40.)

Wir brauchen eine friedfertigere Welt, die aus friedfertigeren Familien, Nachbarschaften und Gemeinwesen entsteht. Wenn wir auf so einen Frieden Wert legen und ihn gewinnen wollen, „müssen wir die anderen Menschen lieben, sogar die Feinde, nicht nur die Freunde". Die Welt braucht das Evangelium Jesu Christi. Wer erfüllt ist von Christusliebe, wird nicht andere mit Gewalt zum Besseren bekehren wollen, sondern sie vielmehr dazu bewegen, von Gott lernen zu wollen. Wir müssen die Hand der Freundschaft ausstrecken. Wir müssen miteinander gütiger und sanftmütiger umgehen und schneller vergeben und langmütiger werden. Möge das unser Wunsch und unser Weg sein.

Ich füge mein Zeugnis hinzu, daß ich weiß, daß Jesus der Messias ist, der Erretter der Welt. Dies ist seine Kirche. Im Namen Jesu Christi. Amen,