Erstes Kapitel

Die erste Vision

Unsere Geschichte – Ein Überblick über die Geschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage


Warum es der Wiederherstellung bedurfte

Nach dem Tod der Apostel Jesu wurden die Vollmacht des Priestertums und viele Evangeliumswahrheiten von der Erde genommen, und es begann eine lange Zeit geistiger Finsternis, die als „der Abfall vom Glauben“ bezeichnet wird. Der Prophet Amos hatte dies vorausgesehen und verkündet, daß eine Zeit kommen werde, in der es im Land Hunger geben werde, „nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern nach einem Wort des Herrn“ (Amos 8:11). Viele aufrichtige Menschen haben in den langen Jahrhunderten des Abfalls vom Glauben nach der Fülle der Evangeliumswahrheiten gesucht, ohne sie zu finden. Geistliche vieler Glaubensrichtungen haben abweichende Lehren verkündet und die Menschen aufgefordert, ihnen zu folgen. Die meisten von ihnen handelten zwar in ehrlicher Absicht, aber keiner hatte die Fülle der Wahrheit oder Vollmacht von Gott.

Der Herr aber hatte in seiner Barmherzigkeit verheißen, sein Evangelium und die Vollmacht des Priestertums eines Tages auf der Erde wiederherzustellen, und beides nicht mehr hinwegzunehmen. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ging diese Verheißung in Erfüllung, und die lange Nacht des Abfalls vom Glauben war vorüber.

Der Mut des jungen Joseph Smith

Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wohnten Joseph und Lucy Mack Smith mit ihrer Familie in Lebanon, New Hampshire, in den Vereinigten Staaten von Amerika. Sie waren einfache, unbekannte Leute, die ihren Lebensunterhalt durch harte Arbeit verdienten. Joseph jun., ihr fünftes Kind, war sieben Jahre alt, als er eine Typhusepedemie überlebte, die in Neu-England über 3000 Opfer forderte. Während Joseph vom Typhus genas, entwicklte sich im Knochenmark seines linken Beins eine schwere Entzündung, die ihm mehr als drei Wochen lang fast unerträgliche Schmerzen bereitete.

Der ortsansässige Chirurg entschied, daß das Bein amputiert werden müsse, aber Josephs Mutter beharrte darauf, einen weiteren Arzt hinzuzuziehen. Nathan Smith, der als Arzt am nahegelegenen Dartmouth College tätig war, wollte das Bein durch ein neues und sehr schmerzhaftes Verfahren retten. Dazu mußte er einen Teil des Knochens entfernen. Der Arzt brachte Schnüre mit, um den Jungen festzubinden, aber Joseph widersprach und sagte, daß er die Operation so ertragen wolle. Joseph wollte auch keinen Weinbrand zu sich nehmen, der als einziges Betäubungsmittel zur Verfügung stand, sondern er bat seinen Vater, ihn während der Operation im Arm zu halten.

Joseph ertrug die Operation tapfer. Doktor Nathan Smith, einer der besten Ärzte im Land, konnte das Bein retten. Joseph mußte lange leiden, bis das Bein verheilt war und er ohne Schmerzen laufen konnte. Nach der Operation zog die Familie Smith nach Norwich, Vermont, wo sie drei Jahre nacheinander Mißernten hinnehmen mußte. Dann zog die Familie nach Palmyra, New York.

Die erste Vision

Als junger Mann half Joseph Smith seiner Familie, das Ackerland von Steinen zu befreien und urbar zu machen, und er übernahm noch eine Reihe weiterer Pflichten. Seine Mutter, Lucy, berichtet, daß der junge Joseph dazu neigte, viel und gründlich nachzudenken, und daß er häufig über das Wohlergehen seiner ewigen Seele nachsann. Ihm lag besonders daran, zu erfahren, welche der vielen Glaubensrichtungen, die in Palmyra tätig waren, Recht hatte. Joseph berichtet mit eigenen Worten:

„In dieser Zeit großer Erregung hatte ich viel Grund, ernstlich nachzudenken, und ich fühlte mich sehr unbehaglich. Zwar nahm ich lebhaften Anteil und hatte sehr ausgeprägte Gefühle, aber ich hielt mich doch von allen diesen Parteien fern, wenn ich auch ihre Versammlungen besuchte, sooft sich mir die Gelegenheit bot. Im Lauf der Zeit neigte ich den Methodisten zu und hatte wohl auch den Wunsch, mich ihnen anzuschließen. Aber die Verwirrung und der Streit zwischen den verschiedenen Konfessionen waren so groß, daß es für einen jungen Menschen wie mich, der mit Menschen und Dingen wenig Erfahrung hatte, gar nicht möglich war, mit Sicherheit zu entscheiden, wer nun recht und wer unrecht hatte. …

Während ich also mit diesen äußersten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, die durch den Glaubensstreit der Religionsparteien ausgelöst worden waren, las ich eines Tages im Jakobusbrief den 5. Vers im 1. Kapitel. Dort heißt es: Fehlt es aber einem von euch an Weisheit, so erbitte er sie von Gott, der allen gerne gibt und keine Vorwürfe macht; dann wird sie ihm gegeben werden.

Nie ist einem Menschen eine Schriftstelle mit mehr Gewalt ins Herz gedrungen als diese damals mir. Es war so, als ergieße sie sich mit großer Macht in mein ganzes Gemüt. Immer wieder dachte ich darüber nach, denn ich wußte, wenn überhaupt jemand Weisheit von Gott brauchte, so war ich es. Ich wußte ja nicht, wie ich mich verhalten sollte, und solange ich nicht mehr Weisheit erlangte, als ich damals besaß, würde ich es auch nie wissen. Die Religionslehrer der verschiedenen Glaubensgemeinschaften legten nämlich ein und dieselbe Schriftstelle so unterschiedlich aus, daß dadurch alles Vertrauen darauf zerstört wurde, die Frage durch Berufung auf die Bibel zu entscheiden.

Endlich kam ich zu dem Schluß, daß ich entweder in Finsternis und Verwirrung bleiben oder das tun müsse, was Jakobus sagt, nämlich Gott bitten.“ (Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:8,11–13.)

An einem schönen Morgen im Frühjahr 1820 ging Joseph Smith allein in einen Wald bei seinem Elternhaus. Er kniete nieder und trug Gott seinen Herzenswunsch vor und bat um Weisung. Was dann geschah, schildert er wie folgt:

„Kaum hatte ich das getan, da wurde ich auch schon von einer Gewalt gepackt, die mich gänzlich überwältigte und eine so erstaunliche Macht über mich hatte, daß sie mir die Zunge lähmte und ich nicht sprechen konnte. Dichte Finsternis zog sich um mich zusammen, und ich hatte eine Zeitlang das Gefühl, als sei ich plötzlicher Vernichtung anheimgegeben.“ (Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:15.)

Der Widersacher aller Rechtschaffenheit wußte, daß Joseph ein großes Werk zu verrichten hatte, und er versuchte, ihn zu vernichten. Joseph aber nahm alle Kraft zusammen und rief Gott an. Sofort wurde er befreit:

„Eben in diesem Augenblick höchster Angst sah ich gerade über meinem Haupt eine Säule aus Licht, heller als die Sonne, allmählich herabkommen, bis es auf mich fiel.

Kaum war es erschienen, da fühlte ich mich auch schon von dem Feind befreit, der mich gebunden gehalten hatte. Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei Gestalten von unbeschreiblicher Helle und Herrlichkeit über mir in der Luft stehen. Eine von ihnen redete mich an, nannte mich beim Namen und sagte, dabei auf die andere deutend: Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn höre!“ (Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:16,17.)

Als Joseph sich wieder gefaßt hatte, fragte er den Herrn, welche von allen Gemeinschaften die richtige sei und welcher er sich anschließen solle. Der Herr antwortete, daß er sich keiner von ihnen anschließen dürfe, „denn sie seien alle im Irrtum“, und „ihre sämtlichen Glaubensbekenntnisse seien in seinen Augen ein Greuel“. Er sagte, daß sie „zwar die äußere Form der Frömmigkeit“ hätten, „aber sie leugnen deren Kraft“ (Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:19). Der Herr sagte Joseph noch vieles mehr.

Als die Vision beendet war, fand sich Joseph auf dem Rücken liegend, den Blick noch immer zum Himmel gerichtet. Nach und nach erholte er sich und ging nach Hause.

Als an jenem Morgen im Jahr 1820 die Sonne aufging, hätte Joseph Smith es sich wohl nicht träumen lassen, daß bei Sonnenuntergang desselben Tages wieder ein Prophet auf der Erde sein würde. Er, ein unbedeutender Junge aus dem Westen des Staates New York, war von Gott dazu erwählt worden, ein seltsames Werk, ja, ein Wunder, nämlich die Wiederherstellung der Kirche Jesu Christi, zu vollbringen. Er hatte zwei göttliche Wesen gesehen und konnte nun von der wahren Natur Gottes des Vaters und seines Sohnes, Jesus Christus, Zeugnis geben. Am jenem Morgen brach wirklich ein hellerer Tag an – Licht war in einen Wald gedrungen, und Gott der Vater und Jesus Christus hatten einen vierzehnjährigen Jungen berufen, ihr Prophet zu sein.